Wir hätten natürlich auch einfach mit dem Flugzeug von Ferienwohnung zu Ferienwohnung reisen können.

Klingt spontan. Klingt frei. Klingt nach diesem hübschen Instagram-Leben, bei dem morgens noch niemand weiß, an welchem Strand am Abend der Sonnenuntergang fotografiert wird.

Für mich klingt es aber auch nach:

Wo werde ich schlafen?
Wie riecht die Wohnung?
Welche Geräusche macht der Kühlschrank?
Ist die Matratze weich, hart oder eine persönliche Kriegserklärung an meine Wirbelsäule?
Und warum fühlt sich diese Gabel so falsch in meiner Hand an?

Ja, die Gabel ist wichtig. 😄

Deshalb reisen wir mit dem Wohnmobil.

Nicht, weil ich kein Abenteuer möchte. Sondern weil ich Abenteuer mit einem sicheren Rahmen brauche.

Ich möchte die Welt entdecken – aber bitte mit meinem eigenen Bett, meinem Kopfkissen, meiner Decke, meinem Glas und der Gabel, die sich in meiner Hand richtig anfühlt.

Ich brauche Freiheit und Vertrautheit gleichzeitig

Das klingt zunächst widersprüchlich.

Ich liebe neue Orte, neue Gedanken und dieses Gefühl, morgens noch nicht ganz genau zu wissen, wo wir am Abend sein werden.

Gleichzeitig brauche ich Dinge, die gleich bleiben.

Das Wohnmobil verbindet für mich beides:

  • Draußen verändert sich die Landschaft.
  • Drinnen bleibt mein vertrauter Raum.
  • Ich bekomme neue Eindrücke.
  • Mein Rückzugsort reist mit.
  • Ich kann Abenteuer erleben.
  • Ich muss nicht jeden Tag meine komplette Umgebung neu entschlüsseln.

Für mein ADHS ist die Veränderung spannend. Für meine autistischen Anteile ist der vertraute Rahmen wichtig.

So fühlt es sich jedenfalls für mich an.

Ich muss mich nicht zwischen Sicherheit und Freiheit entscheiden. Ich darf Bedingungen schaffen, in denen beides nebeneinander existieren kann.

Andere sehen Urlaub – ich sehe Bedingungen

Von außen sieht Reisen vielleicht einfach nach Freiheit aus.

Für mich steckt dahinter sehr viel mehr.

Wenn ich in eine neue Ferienwohnung komme, muss mein Gehirn zunächst unglaublich viele Informationen verarbeiten:

  • Wo sind die Sachen?
  • Wie funktionieren Herd, Dusche und Türen?
  • Welche Geräusche sind hier normal?
  • Wo kann ich mich zurückziehen?
  • Wie fühlt sich das Bett an?
  • Welche Gerüche gehören zur Wohnung?
  • Wo sitzen die Kinder?
  • Wo kann ich arbeiten?
  • Was darf ich auf keinen Fall vergessen, wenn wir wieder abreisen?

Das bedeutet nicht, dass ich nie in einer Ferienwohnung sein kann.

Es bedeutet nur, dass ein vermeintlich normaler Ortswechsel mich mehr Energie kosten kann, als andere vielleicht sehen.

Im Wohnmobil bleibt ein großer Teil meiner Umgebung vertraut. Ich muss nicht jedes Mal mein gesamtes Leben neu zusammensetzen.

Mein Zuhause verändert seinen Standort – aber es bleibt mein Zuhause.

Ein sicherer Rahmen macht mich nicht unfrei

Ich glaube, wir verwechseln Freiheit manchmal mit völliger Grenzenlosigkeit.

Alles muss spontan sein. Jederzeit verfügbar. Möglichst offen. Bloß keine Strukturen, denn Strukturen sind ja angeblich ein Gefängnis.

Für mich ist es oft genau andersherum.

Ein passender Rahmen macht Freiheit überhaupt erst möglich.

Wenn ich weiß, wo mein Rückzugsort ist, kann ich mich weiter hinauswagen.

Wenn ich meine vertrauten Dinge bei mir habe, kann ich neue Eindrücke besser aufnehmen.

Wenn ich mich nicht jeden Abend mit einer anderen Schlafumgebung beschäftigen muss, habe ich mehr Energie für das eigentliche Erlebnis.

Der Rahmen ist nicht das Gegenteil von Freiheit.

Er ist das Geländer, an dem ich mich festhalten kann, während ich die Treppe in etwas Neues hinaufgehe.

Genau so denke ich auch über Business

Diese Erkenntnis betrifft nicht nur unser Reisen.

Ich habe lange versucht, mein Business so zu gestalten, wie andere Menschen scheinbar erfolgreich arbeiten:

  • frühe Termine,
  • gleichmäßige Arbeitszeiten,
  • mehrere Kundentermine über die Woche verteilt,
  • feste Routinen,
  • tägliche Sichtbarkeit,
  • immer erreichbar sein,
  • und zwischendurch bitte noch entspannt, ausgeglichen und gut gelaunt bleiben.

Hat mittelmäßig funktioniert.

Wenn ich im Hyperfokus arbeite, möchte ich nicht nach 47 Minuten aufhören, weil irgendein Termin in meinem Kalender steht.

Wenn mein Kopf gerade keine komplexen Entscheidungen treffen kann, bringt es wenig, mich aus Disziplin drei Stunden vor eine Aufgabe zu setzen und dabei hauptsächlich den Cursor anzustarren.

Und wenn mein System nach intensiver Arbeit eine Pause braucht, ist diese Pause kein unternehmerischer Charakterfehler.

Heute frage ich anders:

Welche Bedingungen brauche ich, damit ich meine Fähigkeiten wirklich nutzen kann?

Vielleicht brauche ich:

  • größere zusammenhängende Arbeitsblöcke,
  • weniger Termine,
  • einen vertrauten Arbeitsplatz,
  • Bewegung vor einer Fokusphase,
  • sichtbare Strukturen,
  • Menschen zum parallelen Arbeiten,
  • Unterstützung bei Aufgaben, die mich unverhältnismäßig viel Energie kosten,
  • und genug Spielraum für Tage, an denen mein Kopf anders arbeitet als geplant.

Das ist im Grunde dieselbe Idee wie unser Wohnmobil:

Außen darf sich viel bewegen. Innen brauche ich einen Rahmen, der mich trägt.

Anders leben ist nicht automatisch Flucht

Wenn Menschen ihr Leben verändern, kommt schnell die Frage:

„Wovor läufst du eigentlich weg?“

Vielleicht laufe ich nicht weg.

Vielleicht laufe ich zum ersten Mal bewusst in eine Richtung, die zu mir passt.

Wir reisen nicht, weil wir unfähig sind, ein normales Leben zu führen.

Wir hinterfragen, was „normal“ überhaupt bedeuten soll – und welchen Preis wir dafür zahlen müssten.

Ich habe lange genug versucht, unter Bedingungen zu funktionieren, die für andere selbstverständlich wirkten und mich trotzdem immer weiter erschöpft haben.

Irgendwann darf die Frage nicht mehr nur lauten:

„Wie schaffe ich es, mich noch besser anzupassen?“

Sondern:

„Wie möchte ich eigentlich leben, wenn ich mich nicht dauerhaft gegen mich selbst organisieren muss?“

Auch unsere Kinder dürfen ihre Bedingungen kennenlernen

Für unsere Kinder wünsche ich mir nicht, dass jede Schwierigkeit verschwindet.

Das Leben wird Herausforderungen haben. Menschen werden unterschiedlicher Meinung sein. Pläne werden scheitern. Manchmal wird eine Gabel einfach eine furchtbare Gabel sein. 😄

Aber ich möchte, dass unsere Kinder lernen:

  • Was brauche ich, um mich sicher zu fühlen?
  • Unter welchen Bedingungen kann ich gut lernen?
  • Wann wird mir etwas zu viel?
  • Wie kann ich um Unterstützung bitten?
  • Was interessiert mich wirklich?
  • Was kann ich gut?
  • Wie erhole ich mich?
  • Wie kann ich Verantwortung übernehmen, ohne mich dabei selbst zu verlieren?

Das sind für mich keine nebensächlichen Wohlfühlfragen.

Das sind Fähigkeiten fürs Leben.

Denn ein Mensch, der seine Bedingungen kennt, kann bewusster entscheiden.

Ein Mensch, der nur gelernt hat, sich anzupassen, merkt manchmal erst sehr spät, wie viel Kraft ihn das gekostet hat.

Deshalb gibt es „Frei mit ADHS“

Genau um diese Fragen geht es auch in meinem kostenlosen Telegram-Kanal Frei mit ADHS:

Wie kann ein neurodivergenter Mensch freier, lebendiger und gleichzeitig sicher leben?

Nicht als fertige Anleitung nach dem Motto: „Kauf dir ein Wohnmobil und alle Probleme lösen sich zwischen Frankreich und Portugal von selbst.“

Spoiler: Im Wohnmobil gibt es ebenfalls Wäsche, übermüdete Kinder, kaputte Dinge und die spannende Frage, wer schon wieder den Schlüssel verlegt hat.

Es geht darum, die eigenen Bedingungen überhaupt erst wahrzunehmen.

Vielleicht brauchst du kein Wohnmobil.

Vielleicht brauchst du einen anderen Tagesrhythmus, weniger Besitz, einen ruhigeren Arbeitsplatz, mehr Natur, Unterstützung im Business oder Menschen, bei denen du dich nicht ständig erklären musst.

Freiheit sieht nicht für jeden Menschen gleich aus.

Meine Freiheit hat einen vertrauten Innenraum

Für mich bedeutet Freiheit nicht, ohne Halt durch die Welt zu treiben.

Freiheit bedeutet, wählen zu können:

Wo möchte ich sein?
Mit wem möchte ich sein?
Wie möchte ich arbeiten?
Was brauche ich, um mich sicher zu fühlen?
Und welche Dinge dürfen immer gleich bleiben, während sich außen alles verändert?

Manchmal ist mein Leben Abenteuer.

Manchmal ist es Rückzug.

Und manchmal ist es Abenteuer mit eigener Bettdecke, eigenem Glas und einer Gabel, die einfach verdammt noch mal richtig in der Hand liegt. 💛

Meine Frage an dich:

Welche vertraute Sache oder welcher sichere Rahmen würde dir ermöglichen, dich mutiger auf etwas Neues einzulassen?

Wenn du solche Fragen gemeinsam mit mir weiterdenken möchtest, findest du mich im kostenlosen Telegram-Kanal Frei mit ADHS.

Dieser Beitrag beschreibt meine persönliche Erfahrung mit Neurodivergenz, Reisen, Familie und Arbeit. Menschen erleben ADHS und Autismus unterschiedlich. Der Text ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung.