Serie „KI, Diagnostik & neurodivergente Selbsterkenntnis“ – Kapitel 2
Eine mir nahestehende Person hat bei einer Psychiaterin angesprochen, ob ADHS vielleicht eine Erklärung für bestimmte Herausforderungen sein könnte.
Die Antwort lautete sinngemäß:
„Ich erkenne Menschen mit ADHS, wenn sie zur Tür hereinkommen.“
Und ganz ehrlich: Damit tue ich mich schwer. Nein, du erkennst nicht automatisch ADHS, nur weil ein Mensch zur Tür hereinkommt.
Du siehst, wie ein Mensch zur Tür hereinkommt. Du siehst vielleicht, wie er sitzt, spricht, Blickkontakt hält und ob er während des Gesprächs mit dem Fuß wippt.
Du siehst aber nicht automatisch:
- wie lange er sich auf diesen Termin vorbereitet hat,
- ob er den Weg vorher dreimal überprüfte,
- wie viele Erinnerungen nötig waren,
- ob er seine Hände bewusst ruhig hält,
- wie erschöpft er nach dem Gespräch sein wird,
- oder wie sein Leben aussieht, wenn gerade niemand zuschaut.
Eine Tür ist kein Lebenslauf. Und ein erster Eindruck ist keine Diagnostik.
„Aber du wirkst doch gar nicht so“
Viele neurodivergente Erwachsene kennen diesen Satz. Man wirkt organisiert, ruhig, freundlich und kommunikativ. Vielleicht führt man sogar ein Unternehmen, hat Kinder oder kann stundenlang über ein Fachthema sprechen.
Von außen sieht das nach Funktionieren aus.
Von innen kann es bedeuten, dass der ganze Tag um einen einzigen Termin herum gebaut wurde. Dass Rechnungen trotzdem verschwinden, Aufgaben nur unter enormem Druck fertig werden und nach einem Kundengespräch erst einmal niemand mehr etwas von einem wollen darf.
Gerade im Business kann Masking ziemlich überzeugend aussehen:
- Du bereitest ein Gespräch so gründlich vor, dass niemand deine Unsicherheit bemerkt.
- Du übernimmst die Sprache und Erwartungen deines Gegenübers.
- Du bist für Kunden immer freundlich, obwohl dein Akku längst blinkt.
- Du baust Systeme, die nach außen professionell aussehen, dich aber innerlich auffressen.
- Du sagst noch schnell Ja, weil du die mögliche Irritation bei einem Nein kaum aushältst.
Dann heißt es: „Du bekommst doch alles hin.“
Ja. Die Frage ist nur: Zu welchem Preis?
Masking ist mehr als Schauspiel
Beim autistischen Camouflaging können Menschen beispielsweise erlernte Gesprächsmuster verwenden, Blickkontakt bewusst steuern, Bewegungen unterdrücken oder andere Menschen sehr genau beobachten und nachahmen.
Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 beschreibt unterschiedliche Strategien des Camouflaging. Dazu gehören Maskieren, Kompensieren und das bewusste Anpassen an soziale Erwartungen. Zur systematischen Übersichtsarbeit
Das bedeutet nicht, dass jede soziale Anpassung automatisch Autismus beweist. Menschen passen sich aus vielen Gründen an. Auch Trauma, familiäre Prägung, Unsicherheit oder berufliche Anforderungen können eine Rolle spielen.
Aber genau deshalb reicht der Blick von der Tür bis zum Stuhl eben nicht.
Auch bei ADHS können Symptome weniger sichtbar werden, weil Menschen Strukturen, Perfektionismus oder enorme Vorbereitung als Gerüst aufgebaut haben. Bei Frauen wird die Diagnostik zusätzlich durch Masking, begleitende Ängste oder Depressionen und verzerrte Zuweisungsmuster erschwert. Zur fachlichen Einordnung von ADHS bei Frauen
Ich habe selbst lange funktioniert
Meine ADHS-Diagnostik war ausführlich: Gespräche, Computertest, Intelligenztest, Grundschulzeugnisse und meine Lebensgeschichte.
Später habe ich trotzdem gemerkt: Das erklärt viel, aber noch nicht alles.
Als ich eine mögliche Autismus-Komponente ansprach, bekam ich sinngemäß die Antwort: Vielleicht sei das einfach meine Persönlichkeit. Vielleicht bräuchte ich nicht noch eine Diagnose.
Das hat mich gekränkt.
Nicht, weil meine Einschätzung automatisch richtig sein muss. Sondern weil ich wieder dieses alte Gefühl bekam: Jemand anderes erklärt mir, wie ich mich wahrzunehmen habe.
Ich hatte mein Leben lang gelernt, meine Wahrnehmung infrage zu stellen. Ich war zu empfindlich, zu laut, zu emotional, zu intensiv – oder sollte mich einfach nicht so anstellen.
Wenn du dich lange angepasst hast, kannst du irgendwann selbst kaum noch unterscheiden:
- Ist das meine Persönlichkeit?
- Ist das Autismus?
- Ist das ADHS?
- Ist das eine Traumafolge?
- Oder habe ich einfach gelernt, mich so schnell auf andere einzustellen, dass ich mich selbst nicht mehr höre?
Eine gute Diagnostik muss diese Fragen nicht nach fünf Minuten beantworten. Sie sollte ihnen Raum geben.
Leitlinien empfehlen deshalb eine umfassende Beurteilung, die Entwicklungsgeschichte, aktuelle Beeinträchtigungen, unterschiedliche Lebensbereiche und mögliche andere Erklärungen berücksichtigt. Weder ein einzelner Fragebogen noch ein Computertest oder der berühmte erste Eindruck reichen allein aus. NICE-Leitlinie zu ADHS · NICE-Leitlinie zu Autismus bei Erwachsenen
Was das mit deinem Business zu tun hat
Selbsterkenntnis ist für mich kein hübsches Coachingwort.
Wenn ich nicht weiß, wer ich unter all der Anpassung bin, baue ich möglicherweise ein Business für eine Version von mir, die nur unter enormer Anstrengung existiert.
Dann verspreche ich Termine zu Uhrzeiten, zu denen ich kaum denken kann. Ich mache Angebote, die meine Kunden glücklich machen, aber mich selbst auslaugen. Ich plane meine Arbeit nach Methoden, die bei anderen toll aussehen – und wundere mich, warum ich immer wieder zusammenklappe.
Unmasking bedeutet für mich deshalb nicht, jede spontane Reaktion ungefiltert in die Welt zu werfen.
Es bedeutet, neugierig herauszufinden:
Was bleibt von mir übrig, wenn ich nicht mehr permanent versuche, richtig zu wirken?
Genau dort beginnt ein Business, das nicht nur von außen funktioniert.
Meine Frage an dich:
Welche deiner angeblich so professionellen Gewohnheiten hilft dir wirklich – und welche hält nur deine Fassade zusammen?
Stand: September 2026. Dieser Beitrag informiert und lädt zur Reflexion ein. Er ersetzt keine fachärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik.
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