Bei meiner ADHS-Diagnostik wurde auch ein Intelligenztest gemacht. Dabei kam heraus, dass ich überdurchschnittlich intelligent bin.

Das war interessant. Denn mein Lebensgefühl war lange nicht:

„Hach, wie schön. Ich bin überdurchschnittlich intelligent.“

Es war eher:

„Wie kann ich so komplizierte Zusammenhänge verstehen und gleichzeitig an vollkommen normalen Dingen scheitern?“

Ich fühle mich manchmal wie ein durchgeknallter Professor. Einer, der die krassesten Theorien durchdenken, ungewöhnliche Zusammenhänge erkennen und aus einem riesigen Gedankenknäuel einen roten Faden ziehen kann.

Aber dann stehe ich im Supermarkt. Überall piept etwas, Menschen laufen kreuz und quer, jemand räumt neben mir laut Flaschen ein – und plötzlich weiß ich nicht mehr, was wir essen wollten.

Genial. Heute lösen wir keine komplexen gesellschaftlichen Probleme. Heute suchen wir die Hafermilch. 😄

Intelligenz und Alltagsfunktion sind nicht dasselbe

Ein hoher Intelligenzwert schützt nicht automatisch vor Schwierigkeiten mit Arbeitsgedächtnis, Planung, Priorisierung oder Aufgabenwechseln.

Untersuchungen zeigen, dass auch hochintelligente Erwachsene mit ADHS deutliche Beeinträchtigungen ihrer exekutiven Funktionen erleben können. Eine hohe Intelligenz kann Schwierigkeiten teilweise kompensieren. Dadurch kann sie sogar dazu beitragen, dass ADHS später erkannt wird. Die Herausforderungen verschwinden dadurch aber nicht.

Ich kann sehr tief in ein Thema einsteigen und Muster erkennen, die anderen vielleicht nicht sofort auffallen.

Gleichzeitig kann ich vergessen, warum ich einen Raum betreten habe, wo ich mein Telefon hingelegt habe oder welche meiner fünf gleichzeitig begonnenen Aufgaben zuerst fertig werden sollte.

Das ist kein Widerspruch.

Intelligenz beschreibt nicht, wie zuverlässig ich unter allen Bedingungen auf meine Fähigkeiten zugreifen kann.

Stress kann sich wie Dummheit anfühlen

Akuter Stress kann unter anderem Arbeitsgedächtnis und kognitive Flexibilität beeinträchtigen. Vereinfacht gesagt: Es wird schwieriger, Informationen kurzfristig festzuhalten, zwischen Aufgaben umzuschalten und flexibel auf eine Situation zu reagieren.

Im Alltag kann das so aussehen:

  • Im Gespräch fällt dir die passende Antwort erst eine Stunde später ein.
  • Beim Bezahlen weißt du plötzlich deine PIN nicht mehr.
  • Nach einer Unterbrechung findest du nicht zurück in die Aufgabe.
  • Du liest denselben Satz viermal und verstehst trotzdem nichts.
  • Unter Zeitdruck kannst du etwas nicht erklären, das du eigentlich genau weißt.
  • Nach einem lauten Familienmorgen kannst du keine Businessentscheidung mehr treffen.

Dann denkst du vielleicht: „Warum bin ich so dumm?“

Dabei wäre die passendere Frage:

Wie belastet ist mein System gerade – und auf welche Fähigkeiten kann ich unter diesen Bedingungen überhaupt zugreifen?

Manchmal weiß ich nicht, dass ich gestresst bin

Stress fühlt sich nicht immer wie Herzrasen, Panik und dramatische Filmmusik an.

Manchmal fühlt er sich wie Vergesslichkeit, Gereiztheit, Leere oder das völlige Unvermögen an, eine einfache Entscheidung zu treffen.

Andere gehen doch auch einkaufen. Andere sitzen doch auch in einem Klassenzimmer oder Großraumbüro. Warum sollte das für mich Stress sein?

Weil das Erleben nicht daran gemessen werden sollte, wie angeblich mühelos eine Person von außen aussieht.

Menschen mit ADHS zeigen im Durchschnitt häufiger Besonderheiten bei sensorischer Sensitivität, Reizvermeidung, Reizsuche und der Registrierung bestimmter Reize. Auch bei Autismus sind Unterschiede in der sensorischen Verarbeitung gut beschrieben. Das Erleben bleibt dabei individuell.

Ich sollte nicht aufs Gymnasium gehen

In der Grundschule wurde mir geraten, nicht aufs Gymnasium zu gehen. Meine Noten und meine Persönlichkeit seien dafür nicht gut genug.

Ich wollte trotzdem dorthin und habe meinen Willen durchgesetzt.

Und ich habe es geschafft. Nicht, weil ich plötzlich perfekt in dieses System gepasst hätte. Ich habe mich teilweise ziemlich gut durchgemogelt und mir Systeme gebaut.

Irgendwann habe ich das klassische Lernen weitgehend aufgegeben und es trotzdem bis zum Abschluss geschafft. Ich war keine herausragende Musterschülerin, aber auch nicht so schlecht, wie ich mich oft fühlte. Soweit ich mich erinnere, habe ich mein Abitur ungefähr mit 2,7 abgeschlossen.

Besonders deutlich wurde meine unterschiedliche Leistung im Deutsch-Leistungskurs.

Bei kleinen Leistungsnachweisen hatte ich teilweise 13 von 15 Punkten. In den wichtigen Klausuren, die meines Wissens doppelt gewichtet wurden, landete ich teilweise unter fünf Punkten. Also quasi durchgefallen.

Meine Deutschlehrerin wunderte sich darüber.

Mein Wissen war nicht plötzlich verschwunden. Ich war auch nicht über Nacht weniger intelligent geworden.

Je wichtiger die Prüfung war, desto größer wurde der Druck. Und je größer der Druck wurde, desto schlechter konnte ich auf das zugreifen, was ich eigentlich konnte.

Es war nicht nur der Prüfungsdruck

Dazu kamen die Bedingungen im Raum:

  • Stimmen und Geräusche,
  • flackerndes oder unangenehmes Licht,
  • langes Stillsitzen,
  • die Anwesenheit vieler Menschen,
  • soziale Interaktionen in den Pausen,
  • schnelle Wechsel zwischen Unterrichtsfächern,
  • und die Bedeutung der Prüfung.

Ich war manchmal schon vollkommen fertig, bevor ich überhaupt zeigen sollte, was ich konnte.

Damals wusste ich nicht, dass ein Raum für andere normal wirken und für mich trotzdem eine massive Reizbelastung sein kann. Wie auch, wenn das eigene Erleben runtergespielt wird und das mein tägliches NORMAL war?!

Ich sah nur das Ergebnis:

Kleiner Test: sehr gute Leistung.
Wichtige Klausur: Blackout.
Meine Schlussfolgerung: „Dann bin ich wohl doch dumm.“

Wenn Menschen im Umfeld zusätzlich Dinge wie „Du kleines Dummerchen“ sagen, hilft das nicht unbedingt. Selbst wenn es vielleicht lustig oder gar nicht böse gemeint ist, kann sich der Satz in einem ohnehin unsicheren Selbstbild festsetzen. Kinder sind nicht immer nett zueinander …

Die Lehrerin, die mich bloßstellen wollte

Im Unterricht habe ich häufig Manga-Figuren gemalt. Das beschäftigte meine Hände und half mir dabei, zuzuhören.

Von außen sah es wahrscheinlich so aus, als wäre ich unaufmerksam. Eine Lehrerin wollte mich deshalb vor der Klasse bloßstellen und stellte mir eine komplexe Frage.

Doch ich konnte ihr eine richtig gute Antwort geben. Sie war erstaunt.

Das Malen hatte mich nicht vom Unterricht abgelenkt. Es war ein zusätzlicher Reiz, der mir half, meine Aufmerksamkeit zu regulieren.

Meine Intelligenz hat mich nicht vor den Schwierigkeiten geschützt. Sie hat mir geholfen, sie zu kompensieren – und dadurch blieb lange unsichtbar, wie anstrengend das alles für mich war.

Meine Intelligenz war nie das Problem

Die entscheidende Frage hätte damals nicht lauten müssen:

„Warum strengst du dich nicht mehr an?“

Sondern:

Unter welchen Bedingungen kannst du auf dein Wissen zugreifen und zeigen, was du wirklich kannst?

Ein Blackout ist keine zuverlässige Aussage über Intelligenz.

Eine schlechte Klausur beweist nicht, dass der Stoff nicht verstanden wurde.

Und eine Person ist nicht unfähig, nur weil ihr Gehirn unter Druck keine Dateien mehr aus dem inneren Archiv herausrückt.

Ich habe das Gymnasium nicht geschafft, weil das System so gut zu mir passte.

Ich habe es geschafft, obwohl ich damals noch nicht wusste, wie mein Gehirn funktioniert. Welche Energie mich das gekostet hat, blieb lange unsichtbar.

Meine Frage an dich:

In welcher Situation hältst du dich für unfähig, obwohl vielleicht hauptsächlich die Bedingungen nicht zu dir passen?

Stand: September 2026. Dieser Beitrag informiert und lädt zur Reflexion ein. Er ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Diagnostik.