Serie „KI, Diagnostik & neurodivergente Selbsterkenntnis“ – Kapitel 1
Enrico und ich saßen beim Frühstück. Er hatte einen Podcast über künstliche Intelligenz gehört – und plötzlich waren wir mitten in einer dieser Unterhaltungen, bei denen das Frühstück kalt wird, weil mein Kopf längst sieben Türen weitergelaufen ist.
Die Frage war:
Kann KI Krankheiten vielleicht irgendwann besser erkennen als Menschen?
In der Krebsforschung gibt es tatsächlich beeindruckende Entwicklungen. KI-Modelle können beispielsweise digitalisierte Gewebeproben auswerten und darin Muster erkennen. Das Modell CHIEF wurde mit umfangreichen Daten zu verschiedenen Krebsarten trainiert. Ein anderes großes Pathologie-Modell erreichte bei der Erkennung verschiedener Krebsarten einen AUC-Wert von 0,95 – das ist ein Maß dafür, wie gut auffällige und unauffällige Befunde unterschieden werden.
Wichtig: Das bedeutet weder „95 Prozent aller Krebsdiagnosen sind richtig“ noch, dass die KI selbstständig eine vollständige Diagnose stellt. Sie unterstützt Fachleute bei einer klar definierten Aufgabe.
Zur Studie in Nature Medicine · Zur CHIEF-Studie in Nature
Und da hatte ich eine steile These:
Was wäre, wenn KI uns auch bei ADHS und Autismus helfen könnte – gerade dort, wo Menschen durch Masking, Vorurteile oder fehlendes Fachwissen übersehen werden?
KI sieht keine „typische ADHS-Person“
Ich habe meine ADHS-Diagnostik nach einer Erschöpfungsdepression gemacht. Mit Gesprächen, Fragebögen, Computertest, Intelligenztest und Grundschulzeugnissen. Ich hatte Glück, an eine Person zu geraten, die genauer hingeschaut hat.
Später blieb trotzdem das Gefühl: Da fehlt noch etwas. Das Bild ist noch nicht vollständig. Ich fragte nach einer möglichen Autismus-Komponente – und bekam sinngemäß die Antwort, dass es vielleicht einfach meine Persönlichkeit sei.
Das hat mich getroffen.
Nicht, weil Fachpersonal jede meiner Vermutungen bestätigen muss. Natürlich nicht. Sondern weil viele neurodivergente Menschen ihr Leben lang gehört haben, ihre eigene Wahrnehmung sei falsch:
- „Du bist zu empfindlich.“
- „Du musst dich einfach besser organisieren.“
- „Das macht doch jeder mal.“
- „So wirkst du gar nicht.“
Eine mir nahestehende Person sprach das Thema ADHS ebenfalls bei einer Fachperson an. Die Antwort lautete sinngemäß: „Ich erkenne Menschen mit ADHS, wenn sie zur Tür hereinkommen.“
Und ganz ehrlich: Genau da wird es schwierig.
Denn eine Tür ist kein Lebenslauf. Ein ordentliches Auftreten ist keine funktionierende Exekutivfunktion. Und ein halbstündiges Gespräch zeigt nicht automatisch, wie viel Kraft jemand jeden Tag dafür verbraucht, nach außen vollkommen unauffällig zu wirken.
Wenn dich dieser Teil berührt, lies auch „ADHS bei Frauen: Späte Diagnose, neue Fragen ans Leben“ und „AuDHS im Alltag und Business“.
Was KI bereits kann – und was nicht
Aktuell wird untersucht, ob KI Muster in Fragebögen, medizinischen Daten, Sprache, Blickbewegungen, Verhalten, EEG- oder Bildgebungsdaten erkennen kann. Forschung zu ADHS und Autismus zeigt Potenzial – vor allem bei Screening, Risikoeinschätzung und diagnostischer Unterstützung. Die Fachliteratur empfiehlt aber weiterhin einen hybriden Ansatz: KI ergänzt die klinische Einschätzung, ersetzt sie nicht.
Review zur KI-Unterstützung bei ADHS · Review zu KI in der Autismus-Diagnostik
Ein Grund dafür: Ein Modell kann nur mit den Daten arbeiten, die es bekommt. Wenn überwiegend Jungen mit deutlich sichtbaren Merkmalen in den Trainingsdaten vorkommen, kann die KI dieselben blinden Flecken übernehmen, die bereits im Gesundheitssystem bestehen.
KI ist also nicht automatisch neutral. Sie kann menschliche Vorurteile reduzieren – oder sie mathematisch sehr effizient wiederholen.
Die Weltgesundheitsorganisation fordert deshalb unter anderem Transparenz, Datenschutz, menschliche Kontrolle und eine sorgfältige Prüfung, bevor KI-Systeme im Gesundheitsbereich eingesetzt werden. Zur WHO-Leitlinie
Vielleicht liegt die Stärke im Zusammenspiel
Ich glaube nicht, dass wir einen KI-Diagnoseautomaten brauchen, der nach drei Fragen verkündet: „Herzlichen Glückwunsch, 87 Prozent neurospicy.“ 😄
Was ich mir vorstellen kann, ist etwas anderes:
Eine KI könnte umfangreiche Informationen strukturieren, wiederkehrende Muster sichtbar machen und Fachpersonal auf Zusammenhänge hinweisen, die in einem kurzen Termin leicht untergehen. Der Mensch bringt dafür Beziehung, Kontext, Verantwortung und die Möglichkeit mit, wirklich nachzufragen.
Denn Diagnostik sollte kein Blick von der Tür bis zum Stuhl sein.
Sie sollte ein gemeinsames, sorgfältiges Verstehen sein.
Und vielleicht liegt genau darin die Chance: nicht KI gegen Menschen, sondern KI als zusätzliches Werkzeug, damit weniger Menschen jahrelang denken, sie seien faul, falsch oder einfach nicht für dieses Leben gemacht.
Meine Frage an dich:
Was hätte sich in deinem Leben verändert, wenn jemand deine Muster früher gesehen und ernst genommen hätte?
Stand: September 2026. Dieser Beitrag informiert und lädt zur Reflexion ein. Er ersetzt keine fachärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik.
