Hundert Zentimeter. Und plötzlich sieht ein Leben ziemlich kurz aus.

Ich hatte mal einen kleinen Gliedermaßstab als Werbeartikel. Hundert Zentimeter. Kein großer, mit dem man die halbe Wohnung vermisst. Ein kleiner, an dem ich mir vorstellen konnte: Ein Zentimeter steht für ein Lebensjahr.

Ich fand das ziemlich beeindruckend. Weil „irgendwann“ plötzlich eine Stelle auf diesem Maßstab bekommt.

Wir haben nur ein Leben in dieser Gestalt, in der wir gerade hier auf der Erde sind. So sehe ich das. Und ich finde es total irrational, dieses Leben nicht so zu gestalten, wie ich es brauche, damit ich mit dem Körper, der mir gegeben wurde, ein gutes Leben habe.

Nicht erst später. Nicht erst, wenn ich lange genug funktioniert habe. Und nicht erst, wenn endlich niemand mehr etwas dagegen hat.

Denn wenn ich es allen recht mache, dann mache ich es allen recht. Nur mir nicht.

Lass uns das mal durchrechnen.

Ich habe mir immer vorgenommen, 105 zu werden

Ich habe mir immer vorgenommen, 105 Jahre alt zu werden. Mein kleiner Gliedermaßstab wäre dafür sogar fünf Zentimeter zu kurz. 😄

Aber wenn ich mir ein langes Leben wünsche, möchte ich auch die Bedingungen dafür schaffen: gesunde Ernährung, ausreichend Zeit draußen, Bewegung und weniger von diesem dauernden Stress. Nicht nur länger durchhalten, sondern möglichst gut leben.

Mich interessieren deshalb auch die sogenannten Blue Zones, Regionen mit auffällig vielen sehr alten Menschen. In der Forschung dazu werden unter anderem Ernährung, Alltagsbewegung, soziale Verbundenheit und das Lebensumfeld betrachtet. Das sind Beobachtungen über Bevölkerungen, kein Rezept, das mir 105 Jahre garantiert. Quelle: Poulain und Herm, Blue Zones und Langlebigkeit.

Die WHO beschreibt ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und unterstützende Lebensbedingungen als wichtige Bestandteile gesunden Alterns. Quelle: WHO, Altern und Gesundheit.

Für mich führt das wieder zur gleichen Frage: Wie möchte ich heute leben? Ich kann nicht jeden Einfluss auf meine Gesundheit kontrollieren. Aber ich möchte meinem Körper Bedingungen geben, unter denen es ihm möglichst gut geht, statt ihn jahrzehntelang nur irgendwie durch meinen Alltag zu schleppen.

Ich möchte 105 werden. Und ich möchte vorher auch etwas von diesem Leben haben.

Hundert Zentimeter sind keine Zusage

Nach den aktuellen Angaben von Destatis lag die Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland im Jahr 2025 bei 83,6 Jahren für Frauen und 79,1 Jahren für Männer. Quelle: Destatis, Lebenserwartung 2025.

Auf unserem gedachten Maßstab wäre also schon vor dem hundertsten Zentimeter Schluss. Im Durchschnitt. Diese Werte sagen nicht voraus, wie alt ich oder du werden. Sie beschreiben die Sterblichkeitsverhältnisse eines Jahres.

Jetzt nehmen wir einen beispielhaften Weg: Schule bis ungefähr 18 oder 19. Vielleicht Studium bis 25. Danach Erwerbsarbeit bis 67. Das sind 42 Jahre zwischen Studienabschluss und Regelaltersgrenze.

Und irgendwo dahinter steht dieses große Versprechen: Dann hast du endlich Zeit.

Rein rechnerisch liegen zwischen 67 und 83,6 noch 16,6 Jahre, zwischen 67 und 79,1 noch 12,1. Aber das ist nur die Darstellung auf unserem Maßstab, keine korrekte Prognose der verbleibenden Lebenszeit eines 67-jährigen Menschen. Wer dieses Alter erreicht hat, hat eine andere statistische Restlebenserwartung. Und Lebensjahre sind auch nicht automatisch gesunde, frei verfügbare Jahre.

Mir geht es um die Frage: Warum sollte ich die Gestaltung meines Lebens ausgerechnet auf einen Abschnitt verschieben, den mir niemand garantieren kann?

Rente mit 67 – und was gerade diskutiert wird

Für unsere Geburtsjahrgänge liegt die gesetzliche Regelaltersgrenze derzeit bei 67 Jahren. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch genau dann aufhört zu arbeiten; Rentenart, Versicherungszeiten und mögliche Abschläge machen einen Unterschied. Quelle: Deutsche Rentenversicherung, Regelaltersrente.

Es gibt auch konkrete Reformvorschläge. Die Alterssicherungskommission empfiehlt, die Regelaltersgrenze nach 2031 an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Nach der derzeit beschriebenen Entwicklung könnte sie bis 2041 ungefähr auf 67,5 steigen. Das ist ein Reformvorschlag, keine bereits geltende neue Altersgrenze. Quelle: Bundesregierung, Empfehlungen zur Rentenreform.

Ich möchte meine Lebensentscheidung jedenfalls nicht daran festmachen, ob mir später noch ein halbes Jahr mehr oder weniger zum Ausruhen übrig bleibt.

Was mich daran persönlich so berührt

In der Familie meines Partners gab es Darmkrebserkrankungen und Menschen, die vor dem regulären Renteneintritt oder kurz danach verstorben sind. Sie haben ihr ganzes Leben gearbeitet. Von dem Altersruhestand, auf den man sich vielleicht gefreut hatte, blieb kaum oder gar nichts.

Das sind für mich keine abstrakten Zahlen. Das sind Menschen.

Und dann denke ich: Warum soll ich acht, neun Stunden am Tag in einer Arbeit verbringen, die mich kaputt macht, um irgendwann vielleicht das Leben führen zu dürfen, das ich jetzt schon brauche?

Ich verstehe, dass man nicht einfach alles hinschmeißen kann. Ich verstehe auch psychologisch dieses Festhalten an Sicherheit. Bei mir fühlt sich der bekannte Stress manchmal sicherer an als eine Veränderung, von der ich noch nicht weiß, wie sie ausgeht.

Aber bekannt ist nicht automatisch gut für mich.

Und ein Job, in dem ich dauerhaft unglücklich bin, wird nicht dadurch zu einem gesunden Lebensmodell, dass jeden Monat zuverlässig Geld kommt.

Neurodivergenz und Lebenserwartung: Da gibt es tatsächlich Forschung

Eine britische Studie von 2025 fand bei Erwachsenen mit diagnostizierter ADHS eine geschätzte Verkürzung der Lebenserwartung gegenüber der Vergleichsgruppe: im Mittel rund 6,8 Jahre bei Männern und 8,6 bei Frauen. Untersucht wurden medizinische Routinedaten. Die diagnostizierte Gruppe bildet nicht alle Menschen mit ADHS ab; die Ergebnisse sind keine individuelle Vorhersage. Quelle: O’Nions und Kolleg:innen, ADHS und Lebenserwartung.

Eine weitere britische Untersuchung fand auch bei diagnostizierten autistischen Erwachsenen ohne zusätzliche intellektuelle Beeinträchtigung Unterschiede: etwa 6,1 Jahre bei Männern und 6,5 bei Frauen. Auch hier geht es um Gruppen und deren Versorgungsbedingungen, nicht um ein festes Ablaufdatum. Quelle: O’Nions und Kolleg:innen, Autismus und Lebenserwartung.

Ich rechne diese Zahlen ausdrücklich nicht zusammen und ziehe sie auch nicht einfach von meinem Maßstab ab.

Meine Vermutung ist, dass dauernder Anpassungsstress dabei eine Rolle spielen könnte. Dieses ständige Zusammenhalten, Masking, Übergehen der eigenen Grenzen. Daneben kommen als mögliche Einflussbereiche Begleiterkrankungen, Unfallrisiken, psychische Belastungen und Schwierigkeiten beim Zugang zu passender Versorgung infrage. Welchen Anteil etwas davon an den beobachteten Unterschieden hat, lässt sich aus diesen Zahlen nicht ablesen. Insbesondere beweisen sie nicht, dass Masking eine bestimmte Zahl von Lebensjahren kostet.

Für mich bleibt aber die Frage: Warum sollten wir so lange warten, bis unser Leben besser zu uns passt?

Mama, Pflegekraft, Putzfrau – und bitte auch noch gut drauf

Ich bin Mama von drei Kindern. In unserem neurodivergenten Familienalltag ging es lange darum, ständig im Außen zu schauen: Was brauchen die Kinder gerade, damit es nicht explodiert? Damit nicht wieder ein Meltdown kommt? Was geht heute, was geht morgen?

Was heute funktioniert, funktioniert morgen vielleicht nicht mehr. Ständig musste ich wieder alles anfassen, neu überlegen, anders machen. Schon morgens ein Kind aus dem Haus zu bekommen, wenn es nichts essen will oder das gerade nicht kann, kann eine krasse Anforderung sein. Und das war ja nicht die einzige Aufgabe dieses Tages.

Mein Mann hat gearbeitet und war beruflich viel unterwegs. Nicht das Reisen, wie wir es uns heute wünschen, sondern Reisen, wie es gemacht werden musste. Auch das hat seiner emotionalen und geistigen Gesundheit nicht gutgetan. Wir hatten viel Hilfe von Oma und Tante, und dafür bin ich dankbar. Trotzdem blieb bei mir dieses ständige Mitdenken und Auffangen.

Ich war gleichzeitig die Putzfrau. Die Köchin. Die Erzieherin. Die Pflegeperson, wenn wieder ein Kindergartenvirus eingezogen war. Dann sollte ich selber noch gut funktionieren, eine super Mama sein, eine super sexy Frau und bitte auch noch wunderbar arbeiten.

Das war einfach zu viel.

Dieses dauernde Scannen, Vorausdenken und Organisieren gehört für mich zum Mental Load. Für unsere psychische Gesundheit war es entscheidend, überhaupt zu erkennen, wie viel wir da jeden Tag getragen haben. Nicht nur die sichtbaren Aufgaben. Auch das ständige Bereitsein, weil irgendetwas gleich wieder kippen könnte.

Dazu passen Zahlen zur unbezahlten Arbeit: Nach der aktuell ausgewiesenen Zeitverwendungserhebung 2022 leisten Frauen in Deutschland knapp 29,5 Stunden pro Woche, Männer knapp 20,5 Stunden. Der Gender Care Gap beträgt 43,4 Prozent. Er umfasst beispielsweise Haushalt, Betreuung und Pflege. Das sind Bevölkerungsdurchschnitte, keine Messung unseres Familienalltags oder des ganzen inneren Mitdenkens. Quelle: Destatis, Zeitverwendung und Gender Care Gap.

Knapp neun zusätzliche Stunden pro Woche. Und dann fragen wir uns, warum Frauen nicht nebenher ganz mühelos alles andere genauso hinbekommen.

Weniger bezahlt werden und mehr auffangen

Mein Berufsfeld war Marketing: Business-Aufbau, Organisation, Vertrieb, Projektmanagement, Online-Marketing. BWL-Kram. Ich hatte Fähigkeiten, Erfahrung und Lust, etwas zu bewegen.

Aber in den Möglichkeiten, die ich damals in Sachsen und im ostdeutschen Umfeld für mich gesehen habe, war finanziell nicht besonders viel zu holen. Das ist meine Erfahrung mit meinem Berufsfeld und meinen damaligen Bedingungen. Ich hätte auch in den Westen gehen können. Nur hätte das wieder andere Bedingungen für unser Leben bedeutet.

Der allgemeine Gender Pay Gap gehört für mich trotzdem in diese Betrachtung: Frauen verdienten 2025 in Deutschland durchschnittlich 16 Prozent weniger brutto pro Stunde als Männer. Unbereinigt, also über unterschiedliche Berufe, Positionen und Erwerbswege hinweg. Das bedeutet nicht, dass jede Frau für exakt dieselbe Tätigkeit 16 Prozent weniger bekommt. Quelle: Destatis, Gender Pay Gap 2025.

Und Ost und West unterscheiden sich: Im Osten lag dieser Abstand bei 5 Prozent, im Westen einschließlich Berlin bei 17 Prozent. Der kleinere Abstand im Osten bedeutet allerdings nicht automatisch höhere Einkommen. Die veröffentlichten Durchschnittsverdienste der Frauen lagen im Osten bei 21,37 Euro pro Stunde und im Westen bei 23,01 Euro. Diese Zahlen beschreiben nicht speziell mein Marketing-Berufsfeld und beweisen nichts über mein damaliges Gehalt. Quelle: Destatis, Verdienst und Arbeitsmarkt nach Ost und West.

Für mich kommt dazu diese grundsätzliche Patriarchatsgeschichte: Die Frau fängt auf, sorgt, organisiert, hält die Familie emotional zusammen – und soll gleichzeitig wirtschaftlich mithalten, attraktiv bleiben und möglichst niemandem zur Last fallen.

Das ist meine Sicht auf die Erwartungen, die ich erlebt habe. Ich möchte daraus keinen Vorwurf an meinen Mann machen. Dieses Modell hat uns beide belastet. Aber es war eben auch nicht einfach nur mein persönliches Organisationsproblem.

Ab einem gewissen Punkt war Selbstständigkeit für mich deshalb eine völlig naheliegende Möglichkeit. Nicht, weil damit plötzlich alle strukturellen Probleme verschwinden. Sondern weil ich mitgestalten wollte, wann ich arbeite, wie ich arbeite und was ich für meine Arbeit bekomme.

Und dann stehe ich wieder vor diesem Gliedermaßstab und frage mich: Worauf soll ich eigentlich warten? Dass ich in der Rente vielleicht noch zwölf gute Jahre habe, in denen wir endlich das Leben führen können, das wir wollen?

Diese zwölf Jahre sind meine zugespitzte Frage, keine statistische Zusage. Aber das Gefühl dahinter ist sehr echt: Ich möchte nicht erst mein ganzes Leben auffangen und dann hoffen, dass am Ende noch genug Kraft zum Leben übrig bleibt.

Drei Kinder sind kein Rentenplan

Als unsere Tochter kam, habe ich meine Erwerbstätigkeit im Angestelltenjob beendet. Mit einem neurodivergenten Kind ist es eben nicht selbstverständlich, dass ein regulärer Arbeitstag nebenher einfach funktioniert.

Ich habe drei Kinder. Ich habe viel gearbeitet, das nicht auf einer Gehaltsabrechnung auftaucht. Und ich rechne nicht damit, dass mich meine bisherige gesetzliche Rentenanwartschaft später üppig versorgt.

Eine seriöse durchschnittliche Rentenzahl für „neurodivergente Frau mit drei Kindern und meinem Lebenslauf“ gibt es dafür nicht. Meine tatsächlichen Ansprüche lassen sich nur aus meinem Versicherungsverlauf und meiner Rentenauskunft bestimmen.

Kindererziehung zählt trotzdem: Für nach 1991 geborene Kinder können jeweils bis zu drei Jahre Kindererziehungszeit anerkannt werden. Die Rentenversicherung beziffert ein solches Jahr derzeit mit rund 42,52 Euro monatlicher Rente. Neun vollständig zugeordnete Jahre entsprächen überschlägig rund 383 Euro monatlich nach heutigem Wert, vor möglichen Abzügen. Das ist eine Beispielrechnung nur für diesen Bestandteil, weder meine bestätigte Rente noch eine Aussage über spätere Kaufkraft. Quelle: Deutsche Rentenversicherung, Kindererziehungszeiten.

Das ist wichtig. Aber davon kann ich nicht automatisch das Leben finanzieren, das ich mir wünsche.

„Ich habe keine andere Wahl“ möchte ich hinterfragen

Mein Vater war langzeitarbeitslos. Ich bin im Osten in einer Hochhausblocksiedlung aufgewachsen, nicht mit dem goldenen Löffel im Mund. Auch emotional war mein Elternhaus kein Ort, an dem alles leicht und sicher war.

Ich weiß, wie es ist, wenn man von unten startet. Nicht von ganz, ganz unten. Aber von unten.

Und deshalb möchte ich dieses „Ich habe keine andere Wahl“ nicht einfach stehen lassen. Nicht als Vorwurf an Menschen, die gerade kaum Luft haben. Sondern als Frage: Ist wirklich gar keine andere Gestaltung möglich? Oder kann ich anfangen, mir einen anderen Weg zu erarbeiten?

Ja, das kostet Zeit. Ja, das kostet Kraft. Ja, das kostet Nerven.

Aber es ist auch anstrengend, jahrelang in einem Leben zu bleiben, das einen kaputt macht.

Möglichkeiten können unterschiedlich aussehen: ein anderer Arbeitgeber, weniger Stunden, ein Gewerbe, eine schrittweise Selbstständigkeit, andere Ausgaben, eine andere Wohnform. Für mich gehört auch Network-Marketing zu den möglichen Geschäftsmodellen. Kein Modell garantiert Einkommen oder Freiheit; ich muss prüfen, welche Kosten, Verpflichtungen und Bedingungen ich mir damit tatsächlich einkaufe.

Auch ein langfristiger ETF-Sparplan kann ein Baustein für Vermögensaufbau sein. Dafür muss ich nicht einzelne Aktien handeln. Ich brauche aber finanziellen Spielraum und ein Grundverständnis von Kosten, Streuung und Verlustrisiken. Das Geld arbeitet nicht magisch und risikofrei für mich. Quelle: BaFin, Altersvorsorge.

Der Punkt ist: Ich darf mich überhaupt mit Möglichkeiten beschäftigen.

Und mit unseren Kindern haben wir vielleicht nur 18 Sommer

Ich habe diesen Satz gehört: Du hast 18 Sommer mit deinem Kind.

Natürlich endet unsere Beziehung nicht am achtzehnten Geburtstag. Aber als Bild trifft mich das. Auf meinem Hundert-Jahre-Gliedermaßstab ist diese gemeinsame Kindheitsphase plötzlich ein ziemlich kleines Stück.

Wir wollten Familie. Wir wollten Verbindung mit unseren Kindern aufbauen. Und dafür müssen wir sie auch wirklich kennenlernen, nicht nur ihren Alltag irgendwie organisiert bekommen.

Ich habe irgendwann bei unserem mittleren Kind gemerkt: Ich wusste gar nicht richtig, was es besonders gut findet. Das Baby brauchte meine Aufmerksamkeit, dazu kamen die großen, krassen Bedürfnisse unseres ältesten Kindes. Und dazwischen ist bei unserem mittleren Kind einfach viel auf der Strecke geblieben.

Das tat weh. Weil ich ja da war. Ich war beschäftigt, habe versorgt, aufgefangen, organisiert. Und trotzdem fehlte Zeit, um diesen Menschen wirklich kennenzulernen.

Ich möchte daraus kein schlechtes Gewissen für Eltern machen, die Betreuung nutzen. Kinder können dort eine gute Zeit haben, und wir brauchen auch Zeit für uns. Wir hatten selbst Betreuung und Hilfe. Für mich geht es um die Frage: Wie viel Zeit möchte ich mit den Menschen verbringen, die ich liebe? Und wie soll sich diese Zeit anfühlen?

Unsere Kinder werden nicht noch einmal genau in diesem Alter sein, wenn unser Kalender irgendwann besser aussieht. Ich möchte deshalb nicht nur fragen, was ich bis zur Rente verdienen kann. Ich möchte auch fragen, was wir bis dahin miteinander erleben.

Ein Business braucht Zeit. Mein Leben findet trotzdem jetzt statt.

Und gleichzeitig möchte ich mir eine Selbstständigkeit aufbauen. Die soll uns tragen. Finanziell und vom Leben her. Auch das fällt ja nicht einfach vom Himmel.

Wie lange dauert es, ein Business aufzubauen? Gerade mit Unterbrechungen, wenn ich Mama bin, wenn ein Kind krank ist oder wenn das, was gestern ging, heute nicht mehr geht?

Dafür gibt es keine feste Jahreszahl, die für uns alle passt. Aber meine Erfahrung ist: Die Dinge brauchen Zeit. Menschen müssen mich kennenlernen. Ich muss mein Angebot ausprobieren. Und ich selber muss erst hineinwachsen in dieses: Wer bin ich hier? Was ist meine Aufgabe? Was ist meine Rolle in meiner Selbstständigkeit?

Bis das selbstverständlich wird, bis es in Fleisch und Blut übergeht, vergeht Zeit. Ich bin nicht automatisch an einem falschen Punkt, nur weil es sich am Anfang noch ungewohnt anfühlt.

Für mich hat das mit Momentum zu tun. Immer wieder etwas machen. Eine Verbindung aufnehmen, ein Angebot zeigen, etwas fertigstellen. Im besten Fall jeden Tag ein bisschen; in unserem Familienleben manchmal auch mit einer Pause dazwischen. Eine Unterbrechung löscht nicht alles aus, was ich vorher aufgebaut habe.

Ich stelle mir Wachstum manchmal wie eine Kurve vor, die lange ziemlich flach aussieht und dann irgendwann nach oben geht. Das ist mein Bild dafür, keine Garantie für exponentiellen Umsatz. Dranbleiben allein reicht nicht: Ich muss auch merken, ob mein Angebot gebraucht wird und ob die Bedingungen für mich passen.

Aber ich möchte mich nicht ständig dafür fertig machen, dass mein Business nicht so schnell wächst wie das von jemandem, der ganz andere Voraussetzungen hat.

Ich darf schon anfangen, wenn meine Kinder klein sind. Ich darf aber auch meine Erwartungshaltung und meinen Erwartungsdruck zurücknehmen. Nicht dieses höher, schneller, weiter. Sondern nachhaltig, bewusst und in mein eigenes Leben passend.

Die 18 Sommer und mein Business sind für mich deshalb keine getrennten Fragen. Ich möchte Bedingungen schaffen, unter denen beides Platz hat: Verbindung mit meinen Kindern und eine Arbeit, die uns Schritt für Schritt mehr Gestaltung ermöglicht.

Ich möchte nicht unsere Familienzeit auf später verschieben. Und ich möchte auch meine eigenen Wünsche nicht so lange vertagen, bis irgendwann gar nichts mehr dazwischenkommen kann.

Ich möchte nicht bis Zentimeter 67 gegen mich arbeiten

Heute arbeiten wir selbstständig und gestalten unser Familienleben anders. Das ist nicht jeden Tag leicht. Aber es gibt uns die Möglichkeit, Bedingungen zu verändern, statt uns immer weiter in Bedingungen hineinzupressen, die uns nicht guttun.

Darüber schreibe ich auch in „Der Kunde ist König – und ich war das Personal ohne Feierabend“. Und im bright.minds Business Tribe geht es für mich genau darum: mit anderen einen Rahmen zu finden, in dem wir unser Business tatsächlich gestalten und umsetzen können.

Ich möchte nicht irgendwann feststellen, dass ich mein Leben hervorragend verwaltet und dabei kaum gelebt habe.

Meine Frage an dich: Welche eine Bedingung in deinem Arbeitsleben könntest du anfangen zu verändern, damit „später“ nicht der einzige Ort bleibt, an dem es dir gut gehen darf?

Stand: Oktober 2026. Persönliche Perspektive mit recherchierten Zahlen. Individuelle Rentenansprüche und Lebenszeit lassen sich daraus nicht ableiten.