Ich habe da mal eine steile These:

Vielleicht ist dein Problem nicht, dass du zu wenig kannst.

Vielleicht versuchst du nur, gleichzeitig Texterin, Technikmensch, Buchhalterin, Verkäuferin, Strategin, Designerin und nebenbei ein emotional ausgeglichener Business-Oktopus mit acht sehr gut organisierten Armen zu sein. 🐙

Und ganz ehrlich: Irgendeiner dieser Arme sucht vermutlich seit drei Tagen eine Rechnung.

Selbstständigkeit wird uns oft so verkauft, als müssten wir irgendwann alles beherrschen. Natürlich können wir lernen. Aber Lernen und alles allein tragen sind nicht dasselbe.

Manchmal entsteht Fortschritt nicht dadurch, dass du noch besser wirst.

Sondern dadurch, dass jemand anderes etwas sieht, das du gerade nicht sehen kannst.

Schwarmintelligenz ist nicht: Alle reden gleichzeitig

Wenn ich von Schwarmintelligenz spreche, meine ich nicht 48 neue Telegram-Nachrichten und am Ende weiß niemand mehr, worum es eigentlich ging. Das ist keine Schwarmintelligenz. Das ist einfach Lärm mit Benachrichtigungston. 😅

Gemeint ist: Unterschiedliche Menschen bringen ihr Wissen, ihre Perspektiven und ihre Erfahrungen zusammen. Dadurch kann eine Gruppe Aufgaben besser lösen, als es einzelne Mitglieder bei jeder Aufgabe allein könnten.

Eine bekannte Studie fand Hinweise auf einen messbaren Faktor kollektiver Intelligenz: Für die Gruppenleistung war nicht nur entscheidend, wie klug das stärkste einzelne Mitglied war. Eine ausgeglichenere Beteiligung und soziale Wahrnehmung spielten ebenfalls eine Rolle (Woolley et al., 2010). Das bedeutet nicht, dass jede Gruppe automatisch genial wird. Eine Community wird nicht schlau, nur weil viele Menschen darin sind. Sie braucht Raum für verschiedene Stimmen – und eine Form, in der diese Stimmen sich tatsächlich ergänzen können.

Genau da wird es für neurodivergente Selbstständige spannend.

Nicht jede:r kann alles. Zum Glück.

Viele Menschen mit ADHS kennen Phasen, in denen sie sehr tief in einem interessanten Thema versinken. In der Forschung wird dafür häufig der Begriff Hyperfokus verwendet. Erwachsene mit stärkeren ADHS-Merkmalen berichteten in einer Studie häufiger von solchen lang anhaltenden, stark fokussierten Aufmerksamkeitsphasen (Hupfeld et al., 2019).

Das ist keine Superkraft auf Abruf. Hyperfokus taucht gern bei dem Thema auf, das das Gehirn gerade spannend findet – und nicht zwingend bei „Bitte sortiere jetzt deine Belege“. Er kann außerdem Kraft kosten oder dazu führen, dass anderes aus dem Blick gerät.

Aber er kann bedeuten, dass jemand in einem bestimmten Bereich verdammt tief drin ist.

Eine Person liebt Automatisierungen. Eine erkennt sofort, warum dein Angebot zwar hübsch klingt, aber niemand versteht, was man eigentlich kaufen kann. Eine dritte kann fünf Stunden begeistert über Zahlen sprechen. Ich würde sie Enrico nennen. 😉

Und du musst nicht jede dieser Personen gleichzeitig sein.

Weniger erklären. Ehrlicher nachfragen.

Jetzt kommt der Teil, bei dem ich bewusst sage: Wissenschaftlich ist nicht belegt, dass neurodivergente Menschen untereinander grundsätzlich weniger Missverständnisse haben.

Meine Erfahrung ist aber: Es kann leichter werden.

Ich gehe in einem neurodivergenten Raum eher davon aus, dass Kommunikation unterschiedlich funktionieren darf. Wenn eine Nachricht kurz klingt, muss sie nicht unfreundlich gemeint sein. Wenn jemand nachfragt, ist das kein Angriff. Wenn eine Person sagt: „Ich habe gerade nicht verstanden, was du von mir brauchst“, kann das einfach eine ehrliche Information sein.

Studien zu autistischer Kommunikation passen zumindest zu einem Teil dieser Erfahrung. In einem experimentellen Informationsspiel konnten autistische Menschen Informationen untereinander genauso wirksam weitergeben wie nicht-autistische Gruppen. Die Forschenden beschrieben die Schwierigkeiten deshalb nicht als grundsätzliches Kommunikationsdefizit, sondern als etwas, das besonders zwischen unterschiedlichen Neurotypen entstehen kann (Crompton et al., 2020a). In einer weiteren Studie berichteten autistische Paare mehr Verbundenheit miteinander als gemischte autistisch-nicht-autistische Paare – wobei auch diese Ergebnisse nicht bedeuten, dass sich alle autistischen Menschen automatisch verstehen (Crompton et al., 2020b).

Lass uns das mal weiterdenken:

Vielleicht entsteht weniger Sicherheit nicht dadurch, dass niemals ein Missverständnis passiert.

Vielleicht entsteht Sicherheit dadurch, dass ein Missverständnis passieren darf, ohne dass sofort jemand als schwierig, zu empfindlich oder unprofessionell gilt.

Ein urteilsfreier Raum ist kein konfliktfreier Raum

„Urteilsfrei“ heißt für mich nicht, dass wir alles toll finden müssen. Oder dass jede Idee automatisch genial ist, nur weil sie mit drei Ausrufezeichen geschickt wurde.

Es heißt:

  • Ich darf nachfragen, ohne mich dumm zu fühlen.
  • Ich darf sagen, dass ich Hilfe brauche.
  • Ich darf eine andere Perspektive anbieten, ohne die Person abzuwerten.
  • Ich darf eine Grenze nennen.
  • Ich darf mich korrigieren.
  • Ich muss nicht erst beweisen, dass ich wirklich überfordert genug bin.

Gerade um Hilfe zu bitten, kann verdammt schwer sein. Vielleicht weil du gelernt hast, dass du es doch „einfach allein machen“ sollst. Vielleicht weil du deine Frage erst komplett durchdenken möchtest. Oder weil du Angst hast, dass die andere Person sieht, wie lange diese vermeintlich kleine Aufgabe schon liegt.

Wenn du aber weißt: Die andere Person kennt dieses Festhängen vermutlich selbst, verändert sich etwas.

Nicht immer. Nicht magisch auf Knopfdruck. Aber manchmal genug, damit aus „Ich müsste eigentlich …“ ein ehrliches „Kannst du mal fünf Minuten mit draufschauen?“ wird.

Gemeinsam mehr erreichen heißt nicht: Verantwortung abgeben

Eine Community baut dein Business nicht für dich. Sie trifft nicht jede Entscheidung und zieht dich auch nicht jeden Dienstag an der Kapuze zum Laptop.

Aber sie kann dir etwas geben, das allein schwer herzustellen ist:

Perspektiven. Rückfragen. Fachwissen. Resonanz. Einen gemeinsamen Arbeitstermin. Und Menschen, die sehen, was bei dir längst da ist, während du noch auf den einen Bereich starrst, der gerade nicht funktioniert.

Das ist meine Idee von neurodivergenter Schwarmintelligenz: kein riesiges Gehirn, in dem alle gleich denken. Sondern viele unterschiedliche Köpfe, die ihr Wissen teilen dürfen, ohne sich dafür kleiner, glatter oder neurotypischer machen zu müssen.

Eine kleine Frage für heute

Welche Aufgabe versuchst du gerade allein zu lösen, obwohl dir eigentlich nur eine andere Perspektive fehlt?

Frag nicht sofort nach der kompletten Lösung. Frag eine Person:

„Was siehst du hier, was ich gerade nicht sehe?“

Vielleicht kommt keine Weltformel.

Vielleicht aber genau der eine Satz, der deinen nächsten Schritt wieder sichtbar macht. 💛

Sanfter nächster Schritt

Im bright.minds Business Tribe kommen neurodivergente Selbstständige mit unterschiedlichen Erfahrungen und Stärken zusammen. Wir arbeiten gemeinsam, fragen nach, teilen fachlichen Input und lassen die Verantwortung trotzdem dort, wo sie hingehört: bei dir.