Stell dir vor, du hast gerade konzentriert an einer Aufgabe gearbeitet. Dann kommt die Nachricht: „Können wir ganz spontan telefonieren?“ Du weißt noch nicht, worum es geht, wie lange es dauert oder was du dafür bereithalten sollst. Die andere Person meint es unkompliziert. Für dich beginnt damit vielleicht erst die eigentliche Anstrengung.
Solche Situationen interessieren mich, wenn wir über Autismus und Selbstständigkeit sprechen. Was ist an der Arbeit schwierig? Und was entsteht durch die Art, wie wir Zusammenarbeit organisieren?
Autistisch und selbstständig: Welcher Rahmen passt?
Autistische Menschen können sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Fähigkeiten haben. Auch die Verarbeitung von Geräuschen, Licht oder anderen Sinneseindrücken kann eine Rolle spielen. Die Übersicht des NIMH zu Autismus beschreibt diese Vielfalt. Daraus lässt sich keine allgemeine Berufsempfehlung ableiten.
Ich finde es deshalb wenig hilfreich, autistischen Menschen pauschal einen stillen Beruf ohne Kundenkontakt zuzuschreiben. Vielleicht liebst du fachliche Gespräche. Vielleicht arbeitest du lieber schriftlich. Vielleicht kommt es sehr darauf an, wie viel schon an diesem Tag los war.
Eine brauchbare Frage wäre: Unter welchen Bedingungen kannst du deine Arbeit gut machen? Damit kommen wir deutlich weiter als mit der Suche nach dem einen „Autismus-Business“.
Verständliche Absprachen sind Teil deines Angebots
Die NICE-Leitlinie für autistische Erwachsene betont unter anderem klare Kommunikation und die Berücksichtigung der sensorischen Umgebung. Meine Übertragung auf den Business-Alltag ist: Auch die Organisation eines Kundentermins verdient Aufmerksamkeit.
Ein Beispiel: Du verschickst vor einer Beratung drei kurze Informationen. Worum geht es? Was sollte die Person mitbringen? Wann endet das Gespräch? Danach hältst du fest, was vereinbart wurde. Du musst nicht jedes Gespräch komplett durchplanen. Aber ihr beide habt einen Ausgangspunkt, auf den ihr euch beziehen könnt.
Oder du vereinbarst, dass neue Aufgaben schriftlich kommen. Dann musst du eine spontane Idee am Telefon nicht gleichzeitig verstehen, bewerten und verbindlich zusagen. Das kann eine sinnvolle Arbeitsentscheidung sein, ohne dass du dafür deine gesamte persönliche Geschichte erklären musst.
Selbstständigkeit schafft Spielraum und neue Aufgaben
Die Vorstellung, alle Bedingungen selbst festlegen zu können, ist verlockend. Gleichzeitig bringt ein eigenes Business Unsicherheit mit: Aufträge kommen unregelmäßig, Kundinnen ändern ihre Meinung und Rechnungen müssen bezahlt werden. Auch mit gutem Konzept.
Darum würde ich weder Selbstständigkeit als Rettung verkaufen noch Schwierigkeiten als Beweis nehmen, dass du dafür ungeeignet bist. Wir können konkret prüfen, welche Bedingungen du beeinflussen kannst und wo du Unterstützung brauchst. Dazu gehören auch wirtschaftliche Fragen, die sich durch Begeisterung allein nicht erledigen.
Nimm eine wiederkehrende Zusammenarbeit. Welche Information fehlt dir dort regelmäßig? Formuliere eine einfache Bitte dazu, zum Beispiel: „Schick mir dein Thema bitte vor unserem Termin, damit ich mich vorbereiten kann.“
Häufig gefragt
Muss ich meinen Kunden von meinem Autismus erzählen?
Wie viel Persönliches du teilen möchtest, entscheidest du. Für viele organisatorische Absprachen reicht es, deinen Arbeitsablauf verständlich zu erklären. Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle rechtliche Beratung.
Kann ich auch mit viel Kontakt selbstständig sein?
Eine pauschale Antwort würde dir wenig helfen. Entscheidend sind deine eigenen Bedürfnisse und die konkrete Gestaltung der Kontakte. Im NeuroBusiness Design Sprint können wir solche Fragen im Zusammenhang mit deinem Angebot betrachten.
Die Business-Beispiele sind Anregungen zur Arbeitsgestaltung. Diagnostik und gesundheitliche Unterstützung gehören in fachkundige Hände.
