Wie oft muss ich meinen Weg eigentlich erklären?
Wir reisen. Wir sind selbstständig. Unser Kind lernt nicht in einer regulären Schule. Wir gestalten Dinge anders.
Und dann kommen die Fragen. Was soll denn später daraus werden? Braucht man nicht mehr Sicherheit? Kann das überhaupt gut gehen?
Eine ehrliche Frage kann der Anfang eines guten Gesprächs sein. Was mich mittlerweile so müde macht, ist die Wiederholung. Ich erkläre unseren Weg, erzähle, was uns wichtig ist, und beim nächsten Mal stehen wir wieder am selben Punkt. Als hätte ich zwischendurch nur kurz den Mund bewegt.
Irgendwann höre ich auf, Dinge zu erklären. Nicht, weil ich keine Antwort mehr hätte. Sondern weil ich merke: Du hast mir die gleiche Frage schon gestellt. Ich habe dir geantwortet. Und jetzt stehen wir schon wieder hier.
Ach, lass mich doch. Lass uns doch. Wir haben uns etwas dabei gedacht. Ich möchte nicht jedes Mal wieder beweisen müssen, dass unser Leben kein unüberlegtes Experiment ist, nur weil es anders aussieht als deins.
Für mich hat Zuhören auch mit Respekt zu tun
Ich empfinde es als respektlos, wenn meine Antwort immer wieder übergangen wird, weil sie nicht zur Vorstellung des anderen passt. Dann geht es für mich irgendwann nicht mehr um Interesse. Es fühlt sich an, als müsste ich so lange erklären, bis ich endlich die richtige Antwort gebe. Also die, bei der ich wieder so lebe, wie der andere es beruhigend findet.
Ich möchte nicht immer die Ängste von allen anderen mittragen. Wirklich nicht. Wir haben schon genug damit zu tun, herauszufinden, was wir brauchen, was unsere Kinder brauchen und wie wir das alles miteinander hinbekommen.
Und dann kommen sie wieder, diese Ratschläge. Mehr Sicherheit. Mehr Anpassung. Mehr so machen, wie man das eben macht. Ich empfinde das mittlerweile als ganz schön intolerant, wenn unser Weg immer und immer wieder infrage gestellt wird. Als dürfte ich ihn erst gehen, wenn sich wirklich niemand mehr daran stört.
Mir kommt es manchmal so vor, als würden wir Menschen mit einem anderen Lebensweg einen Spiegel hinhalten. Da tauchen dann vielleicht eigene Fragen auf: Was hätte ich gern anders gemacht? Was würde ich mich selbst nicht trauen? Das ist meine Deutung. Was tatsächlich im anderen vorgeht, kann ich nicht wissen. Ich merke nur, was das ständige Infragestellen mit mir macht.
Willst du Verbindung – oder willst du mich überzeugen?
Dieser Gedanke kam mir neulich beim Duschen. Offenbar ist das Badezimmer mittlerweile mein zweites Büro, nur ohne Rechnungsablage. 😅
Wenn ich jemandem einen Ratschlag gebe: Suche ich dann wirklich Verbindung? Interessiert mich, was dieser Mensch braucht? Oder möchte ich meine Meinung, meine Ängste und meine Glaubenssätze bei ihm unterbringen?
Ich sehe das auch im Kontakt mit meiner Tochter. Wenn jemand ihr etwas beibringen möchte, frage ich mich: Ist da gerade ein echtes Miteinander? Oder steht schon fest, was sie jetzt machen soll, und sie muss nur noch mitspielen? Ich erlebe, dass sie sich manchmal gerade dann verweigert.
Für mich macht es einen Unterschied, ob ein Mensch neugierig auf uns ist oder mit einer fertigen Anleitung auftaucht. Verbindung lässt Raum für eine Antwort. Auch für ein Nein.
Im ADHS-/Autismus-Kontext denke ich dabei an Masking, Anforderungsvermeidung und PDA. Ich kenne bei mir, dass eine Anforderung nicht einfach als freundlicher Vorschlag ankommt, sondern sofort inneren Druck auslösen kann. Dann fühle ich mich nicht eingeladen, sondern fremdbestimmt. Und je mehr jemand nachdrückt, desto weiter geht für mich die Verbindung verloren.
PDA ist ein diskutiertes Profil, keine eigenständige anerkannte Diagnose. Ich verwende den Begriff hier als Bezugspunkt für das Nachdenken über Anforderungen und Autonomie, nicht als Diagnose unserer Kinder. Mir geht es um die Frage: Was passiert zwischen uns, wenn aus einem Angebot ein „Du musst“ wird?
Was kostet mich diese Zugehörigkeit?
Ich kenne dieses Hin und Her: Bleibe ich bei mir – oder passe ich mich an, damit die Verbindung zum anderen nicht verloren geht?
Wenn ich es allen recht mache, dann mache ich es allen recht. Nur mir nicht.
Das gilt auch in der Familie. Dieses „Wir machen das um des Friedens willen“ kenne ich gut. Still bleiben. Die eigenen Grenzen nicht wahren. Die Fresse halten, obwohl die eigenen Bedürfnisse schon wieder nicht gesehen und gehört werden.
Aber wessen Frieden ist das eigentlich? Wenn außen Ruhe ist und in mir alles arbeitet, dann ist das für mich kein Frieden. Dann habe ich mich wieder angepasst, damit es für die anderen angenehm bleibt.
Andersherum kann es passieren, dass ich bei mir bleibe und jemand sagt: Du hast dich so verändert. Ich erkenne dich gar nicht mehr wieder.
Ja. Vielleicht hast du vor allem die Version von mir gekannt, die sehr gut geschaut hat, wie sie dir gefallen kann. Ich habe selbst lange gelernt, freundlich, angepasst und für andere da zu sein. Dass ich das heute hinterfrage, ist für mich ein wichtiger Teil meines Unmasking-Prozesses.
Ich möchte Verbindung. Natürlich möchte ich dazugehören. Ich möchte Menschen um mich herum, bei denen ich loslassen darf, bei denen ich nicht jedes Wort vorher auf Verträglichkeit prüfen muss.
Aber wie viel kostet mich diese Verbindung? Wie viel inneren Frieden? Wie viel Masking? Wie viel von mir muss ich wieder wegpacken, damit ich willkommen bleibe?
Ich darf wählen, wer in meiner Nähe ist und wer nicht. Von welchen Menschen und welchem Umfeld ich mich getragen fühle. Das muss keine Flucht sein. Manchmal ist es der erste Moment, in dem ich mich selbst nicht mehr im Stich lasse.
Das gilt auch für mein Business
In der Selbstständigkeit begegnet mir dieselbe Frage. Darf ich ein Angebot vertreten, hinter dem ich stehe? Darf ich Arbeitsbedingungen wählen, die zu mir passen? Oder ändere ich alles wieder, sobald jemand findet, ich müsste es anders machen?
Jahrelang habe ich gescannt, was meine Kunden brauchen. Der Kunde ist König – und ich war immer am Geben und am Geben und am Geben. Ich habe mich teilweise regelrecht aufgeopfert, für einen lächerlich geringen Preis.
Was brauche ich? Die Frage hatte ich gar nicht richtig gelernt. Ich hatte gelernt, für andere da zu sein. Und dann sollst du plötzlich ein Business bauen, deine Preise vertreten, Nein sagen und selbstbewusst sichtbar werden. Ja, herzlichen Glückwunsch. 😅
Heute will ich sagen können: Das können wir. Das können wir nicht. Das wollen wir. Das wollen wir nicht. Das ist unsere Positionierung. Und ich möchte nicht wieder an meinem eigenen System kratzen, nur weil jemand anderes gerne eine andere Version von mir bestellen würde.
Mir ist dabei wichtig: Andere dürfen ihre Grenzen setzen. Menschen dürfen anderer Meinung sein. Ich will niemandem verbieten, etwas anzusprechen, das ihn tatsächlich betrifft. Aber ich möchte nicht ständig umgestaltet werden, damit ich dazugehören darf.
Ich kenne auch diese starke Empfindlichkeit gegenüber gefühlter Ablehnung, die oft als Rejection Sensitivity oder Ablehnungsdysphorie beschrieben wird. Wenn ich mich lange angepasst habe und es trotzdem nie gut genug war, kann selbst ein kleiner Verbesserungsvorschlag bei mir viel auslösen. Das ist die eine Seite.
Die andere ist meine heutige Grenze: Ich möchte nicht mehr jeden Ratschlag schlucken, nur damit ich dazugehöre. Ich will unterscheiden lernen, wann alte Erfahrungen in mir anspringen und wann mir gerade tatsächlich jemand meinen eigenen Weg abspricht. Dass mich Kritik trifft, bedeutet nicht, dass jede Grenze von mir automatisch falsch ist.
Meine Frage ist deshalb: Darf ich in dieser Verbindung ich sein – oder muss ich mich dafür wieder kleiner machen?
Genau solche Fragen gehören für mich auch in einen gemeinsamen Businessrahmen. Im bright.minds Business Tribe wünsche ich mir ein Miteinander, in dem wir ehrlich sprechen können, ohne dass aus jedem Unterschied sofort eine Verbesserung am anderen werden muss.
Ich darf meinen Weg gehen. Und du darfst deinen gehen. Vielleicht beginnt Verbindung genau da.
