Teil 9 der Serie „Unmasking & Business“. Zur Serienübersicht

Enrico und ich sortieren gerade sehr viel aus.

Nicht, weil wir plötzlich in beigen Leinenhosen durch ein vollständig leeres Wohnmobil schweben und nur noch eine handgetöpferte Tasse besitzen möchten. Mit drei Kindern wäre das vermutlich spätestens nach sieben Minuten vorbei. 😅

Wir sortieren aus, weil wir immer deutlicher merken: Jedes Ding, das wir besitzen, besitzt auch ein kleines Stück unserer Aufmerksamkeit.

Es muss irgendwo liegen.

Es braucht Lagerfläche.

Es muss sauber gemacht werden.

Wir müssen wissen, ob es noch funktioniert.

Es wird von A nach B geräumt.

Irgendwann fragen wir uns, ob es noch einen Wert hat.

Und wenn wir es nicht finden, kaufen wir es im schlimmsten Fall noch einmal.

Besitz kostet nicht nur Geld. Besitz kostet Verwaltung.

Freie Fläche? Challenge accepted.

Wir haben ein besonderes Talent: Sobald irgendwo eine freie Fläche entsteht, wird dort etwas abgelegt.

Nur ganz kurz natürlich.

Aus „nur ganz kurz“ entsteht eine kleine Ansammlung. Dann eine mittlere. Und irgendwann wohnt dort ein sogenannter Doom Pile: Dinge, bei denen das Gehirn gerade keine vollständige Entscheidung treffen möchte und die deshalb gemeinsam darauf warten, dass irgendwann ein zukünftiges, unfassbar motiviertes Ich auftaucht.

Es gibt den schönen Satz: „Don’t put it down, put it away.“

Das Problem beginnt, wenn Dinge keinen eindeutigen Platz haben, zu viele Kategorien gleichzeitig existieren oder die Entscheidung „Wohin damit?“ mehr Energie braucht, als gerade verfügbar ist.

Dann ist die Oberfläche schneller voll, als man Minimalismus buchstabieren kann.

Unruhe außen, Unruhe innen

Wir wünschen uns mehr Ruhe im Kopf und im Geist. Eine unruhige Umgebung bedeutet für uns viele sichtbare Informationen, die ständig mitverarbeitet werden wollen.

Forschung zu Unordnung und Wohlbefinden zeigt Zusammenhänge zwischen als belastend erlebter häuslicher Unordnung, Stimmung und Stress. Daraus folgt nicht, dass jede volle Wohnung krank macht oder dass ein minimalistisches Zuhause für jeden Menschen richtig ist.

Ich merke nur bei mir: Wenn bereits viel in mir arbeitet, macht eine volle Umgebung mich nicht ruhiger.

Ausmisten ist für mich deshalb keine moralische Aufgabe. Ich bin kein besserer Mensch, weil ich weniger Tassen besitze. Es ist eine Anpassung meiner Umgebung an das, was uns aktuell guttut.

Spielen Kinder wirklich mit allem?

Mit drei Kindern sehen wir außerdem: Sie spielen häufig gar nicht mit den Sachen, die wir als Spielzeug vorgesehen haben. Kartons, Küchenzeug, Stöcke, Decken oder genau der eine Gegenstand, den eigentlich niemand anfassen sollte, sind oft spannender.

Eine kleine Studie mit Kleinkindern zeigte, dass Kinder mit weniger gleichzeitig verfügbarem Spielzeug länger und vielfältiger mit einzelnen Dingen spielten. Das ist kein Beweis dafür, dass jedes Kind nur drei Spielsachen besitzen sollte. Es erinnert mich aber daran, dass mehr Auswahl nicht automatisch mehr Spiel bedeutet.

„Ihr wisst die Dinge nicht zu würdigen“

Schwierig wird es für mich, wenn unser Aussortieren als Undankbarkeit bewertet wird.

Meine steile These ist: Sehr viel Konsum ist nicht immer ein Zeichen dafür, dass es einem besonders gut geht. Manchmal ist er der Versuch, über Dinge Sicherheit, Belohnung oder Zugehörigkeit herzustellen.

Ich kann mir etwas leisten.

Ich gönne mir etwas.

Ich habe etwas vorzuweisen.

Haste was, biste was.

Das ist keine allgemeingültige psychologische Formel. Es ist eine Verbindung, die ich aus meinem Leben und meinen Beobachtungen ziehe.

In meiner Familiengeschichte bedeutete Besitz wahrscheinlich auch Sicherheit. Meine Großeltern kamen als Vertriebene aus Ostpreußen und mussten sich etwas Neues aufbauen. Etwas zu besitzen konnte bedeuten: Das haben wir geschafft. Das bleibt. Das kann uns hoffentlich niemand mehr nehmen.

Wenn ich heute Dinge abgebe, möchte ich diese Geschichte nicht geringschätzen.

Ich brauche nur inzwischen eine andere Form von Sicherheit.

Das Materielle ist langsamer als der Gedanke

Innerlich hat sich unser Leben längst verändert. Wir reisen, leben zeitweise auf kleinerem Raum und hinterfragen, was wir wirklich brauchen.

Die Materie kommt langsamer hinterher. In Schränken und Kisten stehen noch Entscheidungen aus früheren Lebensphasen.

Deshalb fühlt sich Ausmisten für mich manchmal wie sichtbares Unmasking an.

Was gehört wirklich zu mir?

Was bewahre ich aus Angst?

Was behalte ich, weil man so etwas nicht wegwirft?

Was passt zu einem Leben, das ich gar nicht mehr führen möchte?

Und was liebe und benutze ich tatsächlich?

Vielleicht sortieren wir nicht nur Gegenstände aus. Vielleicht lassen wir alte Systeme los.

Was das mit Business zu tun hat

Auch ein Business kann voller Doom Piles sein:

Das halbfertige Freebie.

Der Kurs, den man irgendwann überarbeiten möchte.

Fünf Tools mit ähnlicher Funktion.

Angebote, die nicht mehr passen.

Dateien, Vorlagen und Ideen, über die noch keine Entscheidung gefallen ist.

All das beansprucht Aufmerksamkeit.

Manchmal braucht ein Business deshalb nicht noch eine neue Idee. Es braucht weniger offene Schleifen und eine klare Entscheidung: Was zahlt aktuell wirklich auf mein Ziel ein?

Kleiner Impuls

Such dir heute nicht den ganzen Keller aus.

Nimm eine Fläche oder ein digitales Verzeichnis und frage bei jedem Teil:

Benutze ich es?

Liebe ich es?

Unterstützt es mein jetziges Leben oder Business?

Oder verwalte ich es nur noch?

Zehn klare Entscheidungen können mehr Ruhe schaffen als ein perfekter Ausmistplan, den du nie beginnst.

Fachliche Einordnung und Quellen

Studie zu Beschreibungen des Zuhauses, Stimmung und Cortisol

Studie zu weniger Spielzeug und Spielqualität bei Kleinkindern

Studie zu Unordnung und subjektivem Wohlbefinden