Teil 8 der Serie „Unmasking & Business“. Zur Serienübersicht
„Die Jugend weiß das alles gar nicht mehr zu würdigen. Wir mussten uns alles erarbeiten. Uns wurde nichts geschenkt.“
Solche Sätze treffen mich.
Vielleicht war in der konkreten Situation nicht jedes Wort ausschließlich auf mich bezogen. Vielleicht erzählt die andere Person damit zuerst ihre eigene Geschichte. Trotzdem fühlt es sich für mich wie Hohn an, wenn mitschwingt, meine Generation hätte alles in den Schoß gelegt bekommen.
Denn das ist nicht meine Geschichte.
Meine Familie hat tatsächlich bei null angefangen
Meine Großmutter und mein Großvater waren Vertriebene aus Ostpreußen. Meine Familie brachte keinen großen Besitz und kein finanzielles Polster mit. Sie musste sich nach Verlust und Vertreibung etwas Neues aufbauen.
Meine Eltern hatten ebenfalls keine unbeschwerte Wohlstandsgeschichte. Mein Vater war lange arbeitslos. Meine Mutter verdiente gerade so viel, dass mein Vater keinen Zuschuss bekam.
Ich bin im Osten in einer Hochhausblock-Siedlung in Suhl, Thüringen, aufgewachsen.
Meine Eltern haben versucht, dass es mir gut geht und mir an nichts Wesentlichem fehlt. Das möchte ich würdigen. Aber wir waren nicht reich. Wir waren nicht einmal Mittelschicht. Ich bin nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden und die neuesten Trendmarken-Klamotten waren bei uns nicht das zentrale Familienproblem.
Deshalb passt die Erzählung „Euch wurde alles geschenkt“ nicht auf meine Lebenswirklichkeit.
Was Sicherheit in meiner Familie bedeutete
Meine Großeltern und meine Eltern hatten in vielen Situationen wahrscheinlich nicht das Gefühl, eine echte Wahl zu haben. Sie mussten funktionieren, arbeiten, sich anpassen und dafür sorgen, dass ausreichend da ist.
Das prägt.
Sicherheit wird dann vielleicht zu:
Etwas besitzen.
Nichts verschwenden.
Durchhalten.
Keine Pause machen.
Sich anpassen.
Nicht auffallen.
Arbeiten, auch wenn es eigentlich nicht mehr geht.
Behalten, was man sich einmal erarbeitet hat.
Diese Strategien waren nicht dumm. Sie hatten in ihrer Zeit und unter ihren Bedingungen einen Sinn.
Aber ein Glaubenssatz kann meine Familie einmal geschützt haben und mich heute trotzdem einengen.
Die erste Generation mit einer Wahl?
Manchmal fühlt es sich an, als wäre ich die erste Generation meiner Familie, die wirklich wählen darf.
Natürlich ist das keine historische Feststellung. Vielleicht hatte jeder Mensch an bestimmten Stellen eine Wahl. Aber die sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen sind für mich andere.
Ich kann fragen:
Möchte ich so arbeiten?
Möchte ich so wohnen?
Möchte ich diese Dinge besitzen?
Möchte ich diese Beziehung in genau dieser Form weiterführen?
Möchte ich Sicherheit weiterhin über Leistung und Festhalten herstellen?
Oder kann Sicherheit auch in mir, in meinen Fähigkeiten und in verlässlichen Beziehungen entstehen?
Diese Wahl fühlt sich nicht immer frei und leicht an. Sie kann Schuld auslösen. Denn wenn frühere Generationen alles festhalten mussten, kann mein Loslassen aussehen wie Undankbarkeit.
Für mich ist es aber keine Ablehnung ihrer Geschichte. Es ist der Versuch, sie zu verstehen – und trotzdem nicht jede Überlebensstrategie weiterzutragen.
Glaubenssätze neu kalibrieren
Ich musste zunächst überhaupt lernen, was finanzielle Sicherheit für mich bedeutet. Wie viel davon entsteht durch Geld? Wie viel durch Besitz? Wie viel durch meine Fähigkeit, Lösungen zu finden? Und was bedeutet Sicherheit in mir selbst?
Diese Fragen lassen sich nicht einmal beantworten und dann abhaken. Ich kalibriere sie immer wieder neu.
Manchmal meldet sich die alte Stimme: Du musst schaffen. Du darfst nichts verschwenden. Du musst beweisen, dass du etwas wert bist.
Dann versuche ich, eine neue Stimme dazuzustellen:
Ich darf Pausen machen.
Ich darf Dinge abgeben, die mich belasten.
Ich darf Erfolg anders definieren.
Ich darf würdigen, woher ich komme, ohne dort stehen bleiben zu müssen.
Vielleicht sortieren wir nicht nur Dinge aus
Vielleicht prüfen wir gerade, welche Überlebensstrategien unserer Familie uns einmal geschützt haben – und welche wir heute nicht mehr weitertragen müssen.
Das ist keine Abrechnung mit meinen Eltern oder Großeltern. Ich sehe, was sie geleistet haben. Ich sehe auch, was diese Geschichte in mir hinterlassen hat.
Beides darf gleichzeitig wahr sein: Dankbarkeit für das, was möglich gemacht wurde, und die Entscheidung, heute manches anders zu machen.
Was das im Business verändert
Wenn Wert in einer Familie stark über Leistung entsteht, nimmt man das leicht mit in die Selbstständigkeit.
Dann zählt jede Pause als Faulheit.
Ein hoher Preis fühlt sich unverschämt an.
Erfolg muss anstrengend sein.
Und erst wenn ich mich vollkommen verausgabt habe, habe ich „wirklich gearbeitet“.
Meine Aufgabe ist heute, diese Regeln nicht automatisch zu übernehmen. Ich darf ein Business bauen, das Geld verdient und mich trotzdem nicht verbraucht.
Kleiner Impuls
Welcher Satz über Arbeit, Geld oder Sicherheit wurde in deiner Familie häufig gesagt?
Und dann zwei Fragen:
Wovor hat dieser Satz frühere Generationen vielleicht geschützt?
Hilft er dir heute noch – oder braucht er ein Update?
