Teil 4 der Serie „Unmasking & Business“. Zur Serienübersicht
Wenn meine Impulsivität kickt, ist das manchmal, als würde ich oben auf einer Rutsche stehen und direkt heruntersausen.
Da ist nicht erst dieser gemütliche Moment, in dem ich denke: Oh, interessant, ich werde langsam ärgerlich. Vielleicht sollte ich das achtsam beobachten.
Nein. Zack. Rutsche. Unten angekommen. Satz abgeschickt. Gespräch eskaliert. Und mein Verstand kommt hinterhergelaufen und fragt außer Atem: „Was ist denn hier passiert?“
Vor allem Kritik, gefühlte Ungerechtigkeit oder Situationen, die ich nicht richtig einordnen kann, können mich sehr schnell erwischen.
Mittlerweile versuche ich, es eher wie das Kind zu machen, das eigentlich gar nicht rutschen möchte. Hände und Füße an beide Seiten, möglichst viel Reibung erzeugen und ganz langsam nach unten. 😅
Nicht jede starke Reaktion ist falsch
Früher bin ich nach einer starken Reaktion schnell bei der Frage gelandet: Bin ich zu empfindlich? Übertreibe ich? Habe ich das wieder falsch verstanden?
Heute versuche ich, zwei Dinge gleichzeitig stehen zu lassen:
Meine Reaktion kann durch frühere Erfahrungen, ADHS, Stress oder Überforderung größer und schneller werden.
Und trotzdem kann etwas tatsächlich verletzend, unfair oder grenzüberschreitend gewesen sein.
Selbstregulation darf nicht bedeuten, dass ich mir jede berechtigte Wut wegatme.
Die kleine Verzögerung
Was mir hilft, ist keine magische Methode, mit der ich plötzlich immer tiefenentspannt bin. Es ist eher eine kleine Verzögerung.
Atmen.
Nicht sofort antworten.
Den Körper bewegen.
Wasser trinken.
Die Nachricht noch einmal lesen.
Und dann die Fragen:
Hat die Person das wirklich so gemeint?
Was wurde tatsächlich gesagt?
Was habe ich ergänzt?
Ist das mein Verständnis-Automatismus, weil mein Leben und meine Erfahrungen ihn so geformt haben?
Oder wurde hier wirklich eine Grenze überschritten?
Manchmal komme ich danach zu dem Ergebnis: Ja, das war verletzend.
Manchmal merke ich: Ich habe zwischen zwei Sätze noch eine komplette Geschichte geschrieben, die dort gar nicht stand.
Und manchmal weiß ich es immer noch nicht. Auch das darf sein.
Was die Forschung sagt
Emotionale Dysregulation ist bei Erwachsenen mit ADHS häufig beschrieben. Gemeint sind Schwierigkeiten, emotionale Reaktionen passend zu steuern oder nach einer Aktivierung wieder herunterzukommen. Sie ist nicht bei jedem Menschen gleich und erklärt nicht automatisch jede Auseinandersetzung.
Auch Erfahrungen mit Kritik können bei Erwachsenen mit ADHS besonders belastend sein. Der populäre Begriff „Rejection Sensitive Dysphoria“ wird häufig verwendet, ist aber keine eigenständige formale Diagnose. Deshalb spreche ich lieber konkret darüber, was passiert: Kritik fühlt sich stark an, löst schnelle Reaktionen aus oder berührt alte Erfahrungen.
Die Rutsche im Business
Im Business kann eine schnelle Reaktion ziemlich teuer werden.
Ich sage ein Angebot ab, weil mich eine Rückfrage wie Ablehnung trifft.
Ich senke sofort den Preis, weil jemand zögert.
Ich ändere mein ganzes Konzept nach einem einzelnen Kommentar.
Ich antworte einer Kundin aus der ersten Wut heraus.
Oder ich sage zu etwas Ja, damit bloß niemand enttäuscht ist.
Deshalb versuche ich, wichtige Entscheidungen nicht mitten auf der Rutsche zu treffen.
Ein Kommentar ist noch keine Marktanalyse.
Eine Rückfrage ist noch keine Ablehnung.
Und ein Nein zu einer Kundin ist nicht automatisch das Ende meines Business.
Kleiner Impuls
Lege dir einen Satz bereit, bevor du ihn brauchst:
„Ich möchte kurz darüber nachdenken und melde mich morgen.“
Dieser Satz löst nicht jede Emotion. Aber er baut einen kleinen Absatz in die Rutsche. Und manchmal reicht genau dieser Moment, damit du nicht automatisch dort landest, wo du eigentlich gar nicht hinwolltest.
Fachliche Einordnung und Quellen
Scoping Review zu emotionaler Dysregulation bei Erwachsenen mit ADHS
Metaanalyse zu emotionaler Dysregulation bei erwachsenem ADHS
Qualitative Studie über Erfahrungen mit Kritik bei Erwachsenen mit ADHS
