Teil 5 der Serie „Unmasking & Business“. Zur Serienübersicht

Es gibt Situationen, da bin ich hinterher nicht nur damit beschäftigt, was jemand gesagt hat. Ich bin zusätzlich damit beschäftigt, ob ich überhaupt so fühlen darf.

Bin ich wirklich verletzt?

Oder bin ich nur zu empfindlich?

Ist das gerade meine Kritikdysphorie?

Habe ich etwas falsch verstanden?

Darf ich angepisst sein – oder muss ich mich erst komplett regulieren, bevor mein Gefühl gültig ist?

Allein diese innere Gerichtsverhandlung kann anstrengender sein als das ursprüngliche Gespräch.

Wenn die eigene Wahrnehmung oft korrigiert wurde

Ich habe früh gelernt, dass manche Gefühle nicht erwünscht sind. Ich durfte nicht wütend, zu laut oder zu viel sein. Ich sollte freundlich und angepasst bleiben.

Wenn man häufig hört, man sei zu sensibel, zu dramatisch oder habe etwas falsch verstanden, kann man irgendwann anfangen, die eigene Wahrnehmung vorsorglich selbst abzuwerten.

Dann reicht nicht mehr: „Das hat mich verletzt.“

Dann muss erst ein inneres Beweisverfahren eröffnet werden. Mit Zeugen, Gutachten und einer Excel-Tabelle darüber, ob man offiziell sauer sein darf.

Ich will nicht jede Emotion zum unumstößlichen Fakt erklären. Gefühle können auf Annahmen beruhen. Sie können alte Erfahrungen berühren. Sie können größer sein als die aktuelle Situation.

Aber sie sind Informationen.

Regulation ist nicht Selbstabschaffung

Ich beschäftige mich viel mit Regulation. Trotzdem möchte ich daraus kein neues Anpassungsprogramm machen.

Ich will mich nicht beruhigen, damit andere mich leichter aushalten.

Ich will mich regulieren, damit ich wieder wählen kann.

Vielleicht entscheide ich mich danach für ein ruhiges Gespräch.

Vielleicht stelle ich fest, dass ich etwas missverstanden habe.

Vielleicht setze ich eine Grenze.

Vielleicht brauche ich Abstand.

Und vielleicht sage ich weiterhin: Das war nicht in Ordnung.

Das Ziel ist nicht, nie mehr wütend zu sein. Wut kann zeigen, dass etwas wichtig ist, dass eine Grenze berührt wurde oder dass eine Situation nicht zu meinen Werten passt.

Die Frage ist eher: Was mache ich mit ihr?

Eine kleine Prüfung ohne Selbstverrat

Wenn ich mich kritisiert oder ungerecht behandelt fühle, helfen mir heute vier Fragen:

Was wurde wirklich gesagt oder getan?

Welche Bedeutung gebe ich dem gerade?

Welche ältere Erfahrung klingt dabei mit?

Welche Grenze oder welches Bedürfnis zeigt sich hier?

Die Fragen sollen mein Gefühl nicht wegdiskutieren. Sie helfen mir, die aktuelle Situation und meine Geschichte ein kleines Stück voneinander zu unterscheiden.

Manchmal ist die Antwort: Das war eine alte Wunde.

Manchmal lautet sie: Nein, das ist eine sehr aktuelle Grenze.

Und manchmal ist es beides.

Im Business zeigt sich das besonders deutlich

Eine Kundin darf unzufrieden sein. Ich darf trotzdem prüfen, ob ihre Erwartung Teil unseres Angebots war.

Jemand darf meinen Preis zu hoch finden. Ich muss ihn deshalb nicht sofort senken.

Ein Mensch darf meine Positionierung nicht mögen. Ich muss mich nicht wieder so klein und allgemein formulieren, dass niemand mehr etwas gegen mich haben kann – aber auch niemand mehr weiß, wofür ich stehe.

Gerade für Menschen, die sich lange angepasst haben, kann Sichtbarkeit im Business viel mehr sein als Marketing. Sie kann bedeuten, eine eigene Position zu halten, obwohl nicht alle applaudieren.

Kleiner Impuls

Statt „Bin ich zu empfindlich?“ probiere diese Frage:

„Was möchte mir meine Reaktion gerade zeigen – und was davon gehört zu heute?“

Du musst dein Gefühl weder blind zum Fakt erklären noch sofort gegen dich verwenden. Du darfst zuhören, prüfen und dann entscheiden.

Fachliche Einordnung und Quellen

Qualitative Studie über Kritik-Erfahrungen bei Erwachsenen mit ADHS

Review zu emotionaler Dysregulation bei Erwachsenen mit ADHS

Forschung zu autistischem Masking und psychischer Gesundheit