Teil 2 der Serie „Unmasking & Business“. Zur Serienübersicht

Ist das jetzt Autismus? Ist das eine Traumafolge? Oder bin das einfach ich?

Diese Frage läuft bei mir ziemlich oft im Hintergrund mit. Vor allem dann, wenn ich in sozialen Situationen merke, dass ich nicht automatisch weiß, wie ich reagieren soll. Wenn ich mich stark an anderen orientiere. Wenn ich meine eigenen Gefühle erst später finde. Oder wenn eine Reaktion plötzlich so groß wird, dass ich selbst nicht mehr verstehe, wie ich dort hingekommen bin.

Ich hätte manchmal gern eine saubere Schublade. Links Autismus, rechts Trauma, in der Mitte Persönlichkeit – und auf jedem Verhalten klebt ein ordentliches Etikett.

So funktioniert ein Mensch nur leider nicht.

Was zuerst da war, lässt sich nicht immer trennen

Autismus ist eine neuroentwicklungsbedingte Form menschlicher Vielfalt. Trauma beschreibt keine Persönlichkeit, sondern mögliche Folgen überwältigender oder dauerhaft belastender Erfahrungen. Persönlichkeit entsteht wiederum aus Veranlagung, Erfahrungen, Beziehungen, Umfeld und vielen weiteren Einflüssen.

In der Forschung und Diagnostik wird beschrieben, dass sich Merkmale von Autismus und Traumafolgen überschneiden oder gegenseitig beeinflussen können. Genau deshalb braucht eine seriöse Differenzialdiagnostik mehr als einen flüchtigen Eindruck.

Für mich bedeutet das: Ich muss mich nicht vorschnell für genau eine Erklärung entscheiden.

Vielleicht verstehe ich eine soziale Erwartung tatsächlich nicht intuitiv. Vielleicht habe ich gleichzeitig gelernt, besonders genau zu beobachten, weil Anpassung in meiner Kindheit sicherer war. Vielleicht ist eine bestimmte Eigenheit einfach ein Teil meiner Persönlichkeit. Und vielleicht hat mein autistisches Erleben beeinflusst, wie ich bestimmte Erfahrungen wahrgenommen und verarbeitet habe.

Das eine löscht das andere nicht aus.

Das freundliche, angepasste Mädchen

Ich durfte als Kind nicht wütend sein. Ich durfte nicht zu laut sein. Alles, was irgendwie „zu“ war, wurde kleiner gemacht.

Also war ich freundlich. Angepasst. Hilfsbereit. Ich habe gescannt, was andere brauchen, und bin gesprungen, wenn irgendwo etwas passiert ist.

Wenn man das lange macht, kann irgendwann die Frage entstehen: Wer bin ich eigentlich, wenn ich gerade niemandem etwas recht machen muss?

Diese Frage ist für mich ein Teil von Unmasking. Nicht im Sinne von: Jetzt reiße ich jede soziale Regel ein und alle müssen damit klarkommen. Sondern im Sinne von: Ich prüfe, welche meiner Reaktionen wirklich zu mir gehören und welche früher einmal Schutz waren.

Eine Diagnose erklärt – aber sie erzählt nicht die ganze Geschichte

Meine ADHS-Diagnostik war für mich wertvoll. Sie hat mir ein Erklärmodell gegeben. Später hatte ich trotzdem das Gefühl, dass da noch etwas fehlt und eine autistische Komponente mit hineingehört.

Auch eine passende Diagnose beantwortet aber nicht jede biografische Frage. Sie kann erklären, warum bestimmte Wahrnehmungen, Bedürfnisse oder Schwierigkeiten auftreten. Sie sagt nicht automatisch, wie meine Familie damit umgegangen ist, welche Rollen ich übernommen habe oder welche Glaubenssätze daraus entstanden sind.

Deshalb gehören Neurodivergenz und Biografiearbeit für mich zusammen – ohne dass Biografie Autismus „verursacht“ oder Neurodivergenz jede Erfahrung erklärt.

Muss ich es heute schon genau wissen?

Ich glaube nicht.

Mir hilft manchmal eine andere Frage mehr: Was brauche ich heute, unabhängig davon, aus welcher Schublade dieses Bedürfnis kommt?

Wenn mich eine volle Umgebung überfordert, darf ich sie ruhiger gestalten.

Wenn ich Zeit brauche, um eine Begegnung zu verarbeiten, darf ich mir Zeit nehmen.

Wenn Termine meinen Fokus zerreißen, darf ich meinen Kalender anders bauen.

Wenn mir eine Grenze guttut, muss ich nicht erst beweisen, ob sie autistisch, traumabedingt oder einfach persönlich ist.

Die Ursache kann wichtig sein. Aber mein aktuelles Bedürfnis muss nicht warten, bis jede Frage abschließend geklärt ist.

Was das mit Business zu tun hat

Im Business habe ich lange nach der richtigen Methode gesucht. Vielleicht brauchte ich aber nicht nur eine bessere Methode, sondern ein ehrlicheres Bild von mir selbst.

Wenn ich weiß, dass ich viel Verarbeitungspause brauche, kann ich Angebote entsprechend bauen. Wenn ich erkenne, dass ich mich bei Kritik sofort anpasse, kann ich Entscheidungen nicht mitten in der ersten Emotion treffen. Wenn ich merke, dass ich Kundenwünsche automatisch über meine Grenzen stelle, kann ich Leistungsumfang und Kommunikation klarer gestalten.

Selbsterkenntnis ist für mich kein hübsches Extra im Business. Sie ist Betriebsgrundlage.

Kleiner Impuls

Nimm eine Situation, bei der du dich gerade fragst: „Warum bin ich so?“

Versuche heute nicht, die endgültige Ursache zu finden. Schreib stattdessen auf:

Was passiert konkret?

Was brauche ich in diesem Moment?

Welche kleine Veränderung würde mir Sicherheit oder Klarheit geben?

Das ist keine Diagnostik. Aber es kann ein Anfang sein, die eigene Wahrnehmung wieder ernst zu nehmen.

Fachliche Einordnung und Quellen

Differenzialdiagnose von Autismus, komplexer PTBS und weiteren Störungsbildern

Autismus, belastende Erfahrungen und Trauma

Systematischer Review zu sozialem Camouflaging