Teil 1 der Serie „Unmasking & Business“. Zur Serienübersicht

Manchmal ist es bei mir nicht: Jemand sagt etwas, ich fühle etwas und dann reagiere ich.

Manchmal ist es einfach nur: Hä? Wie soll ich denn darauf jetzt reagieren?

Wie reagieren andere Menschen auf so etwas? Ist das jetzt eine Autismus-Komponente? Ist es Persönlichkeit? Oder habe ich einfach mein Leben lang gelernt, mich an anderen zu orientieren, damit ich nicht aus der Gruppe falle?

Ich mache in solchen Situationen wahnsinnig viel mit meinem Verstand. Ich baue Erklärmodelle. Ich gehe Gespräche noch einmal durch. Ich gucke, wie andere Menschen reagieren, und versuche herauszufinden, welche Reaktion jetzt wohl angemessen gewesen wäre.

Das Fühlen kommt nicht unbedingt zuerst. Manchmal suche ich meine Gefühle erst, während mein Kopf schon die komplette PowerPoint-Präsentation zur Situation erstellt hat. Mit Einleitung, Ursachenanalyse und drei möglichen Reaktionswegen. Nur leider ohne eindeutige Handlungsempfehlung. 😅

Ich orientiere mich an anderen

Ich habe meine Umgebung schon als Kind stark gescannt. Was brauchen die anderen? Ist jemand unzufrieden? Muss ich helfen? Muss ich freundlich sein? Was ist jetzt richtig?

Das kann nach außen sehr sozial und aufmerksam wirken. Und ja, ich kann Menschen tatsächlich ziemlich gut lesen. Gleichzeitig bedeutet das nicht automatisch, dass ich in mir selbst genauso gut erkenne, was gerade passiert.

Man kann hervorragend darin werden, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen, wenn man früh gelernt hat, dass Anpassung Sicherheit schafft. Man kann Verhaltensweisen aber auch bewusst analysieren, weil soziale Regeln nicht intuitiv verständlich sind. Und vielleicht kann beides gleichzeitig wahr sein.

Autistisches Camouflaging oder Masking wird in der Forschung unter anderem als Verbergen, Unterdrücken oder Kompensieren autistischer Merkmale beschrieben. Dazu kann gehören, andere Menschen zu beobachten, soziale Abläufe bewusst zu lernen oder Verhaltensweisen zu spiegeln. Die Gründe sind unterschiedlich: dazugehören, Konflikte vermeiden, sicher sein oder überhaupt durch soziale Situationen kommen.

Das bedeutet aber nicht: Wer andere beobachtet, ist automatisch autistisch. Und es bedeutet auch nicht, dass jede Anpassung Trauma ist. Ein einzelnes Verhalten liefert keine fertige Erklärung für einen ganzen Menschen.

Ist das meine Reaktion – oder eine gelernte?

Das ist für mich die eigentlich spannende Frage.

Wenn ich merke, dass ich in einer Begegnung wieder zuerst nach außen schaue, versuche ich heute nicht sofort, die perfekte Reaktion zu finden. Ich frage mich eher:

Was habe ich gerade tatsächlich verstanden?

Was vermute ich nur?

Was spüre ich in meinem Körper?

Was würde ich sagen, wenn ich keine Angst hätte, unhöflich, schwierig oder zu viel zu sein?

Brauche ich überhaupt sofort eine Antwort?

Der letzte Punkt ist für mich ziemlich revolutionär. Ich darf nämlich sagen: „Ich muss kurz darüber nachdenken.“ Ich darf eine Nachricht später beantworten. Ich darf nachfragen, wie etwas gemeint war. Ich muss nicht innerhalb von drei Sekunden eine sozial perfekte Version von mir aus dem Hut zaubern.

Was das mit Selbstständigkeit zu tun hat

Dieses Scannen endet nicht an der Bürotür. Ich habe jahrelang geguckt, was meine Kunden brauchen. Darin war ich sogar richtig gut.

Schwierig wird es, wenn ich aus lauter Orientierung am Außen nicht mehr merke, was ich selbst brauche. Dann entsteht ein Angebot, das perfekt zu allen anderen passt – nur nicht zu meinem eigenen Leben.

Selbsterkenntnis im Business bedeutet für mich deshalb nicht nur: Was sind meine Stärken? Es bedeutet auch: Welche Entscheidungen treffe ich wirklich selbst – und bei welchen versuche ich noch, eine erwartete Reaktion zu spielen?

Kleiner Impuls

Wenn du das nächste Mal in einer Begegnung denkst: „Hä? Wie soll ich jetzt reagieren?“, musst du die Antwort nicht sofort finden.

Frag dich nur: Was weiß ich – und was interpretiere ich gerade?

Manchmal beginnt Selbstkontakt nicht mit einer perfekten Emotion. Manchmal beginnt er mit einer kleinen Pause.

Fachliche Einordnung und Quellen

Systematischer Review zu sozialem Camouflaging bei autistischen Menschen

Studie zu autistischem Masking, psychischer Gesundheit und zwischenmenschlichen Erfahrungen