Teil 3 der Serie „Unmasking & Business“. Zur Serienübersicht
Ich wurde einmal in einem Coaching gefragt: „Weißt du eigentlich, wo deine Red Flags sind?“
Und in einer Psychotherapie-Stunde kam die Frage, wann ich merke, dass meine Impulsivität kippt. Also dieser Moment kurz davor. Werde ich ärgerlich? Lasse ich Dinge fallen? Werde ich unruhig oder irritiert?
Die ehrliche Antwort war: Ich weiß es nicht.
Ich fühle diese langsame Steigerung oft nicht so, wie andere sie beschreiben. Es ist eher, als würde ich oben an einer Rutsche stehen – und im nächsten Moment bin ich schon unterwegs.
Das ist eine komische Erfahrung. Vor allem, wenn man gleichzeitig ziemlich viel über Emotionen, Nervensystem und Verhalten nachdenken kann. Ich kann Zusammenhänge erklären. Ich kann andere Menschen sehr genau beobachten. Aber wenn jemand fragt: „Und was fühlst du gerade?“, steht in meinem inneren Browser manchmal einfach: Seite konnte nicht geladen werden.
Alexithymie ist nicht Gefühllosigkeit
Der Begriff Alexithymie beschreibt Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu erkennen, voneinander zu unterscheiden oder in Worte zu fassen. Das bedeutet nicht, dass ein Mensch keine Gefühle hat. Im Gegenteil: Gefühle können sehr intensiv sein – nur die Übersetzung in ein klares „Ich bin gerade traurig, wütend oder überfordert“ funktioniert nicht immer rechtzeitig.
Alexithymie wird häufiger bei autistischen Menschen untersucht, ist aber nicht gleichbedeutend mit Autismus. Auch andere Menschen können Schwierigkeiten mit der emotionalen Selbstwahrnehmung haben.
Dazu kommt die Interozeption: die Wahrnehmung von Signalen aus dem Körper. Hunger, Durst, Harndrang, Herzklopfen, Spannung oder Erschöpfung. Auch hier erlebe ich nicht immer eine sanfte Erinnerung. Manchmal meldet sich mein Körper eher wie ein Paketbote, der schon dreimal geklingelt hat und jetzt mit der Faust gegen die Tür hämmert.
Was ist Gefühl – und was ist das, was ich gelernt habe?
Bei mir kommt noch eine biografische Ebene dazu. Ich durfte nicht wütend sein. Nicht zu laut. Nicht zu emotional. Ich sollte das freundliche, angepasste, liebe Mädchen sein.
Wenn Gefühle immer wieder heruntergedrückt oder bewertet werden, lernt man nicht unbedingt, sie neugierig wahrzunehmen. Man lernt eher, welche davon gezeigt werden dürfen.
Deshalb ist die Frage „Wo sind meine Gefühle?“ für mich nicht nur neurologisch. Sie ist auch biografisch.
Vielleicht war ein Signal da, aber ich habe gelernt, es zu übergehen.
Vielleicht nehme ich es tatsächlich später wahr.
Vielleicht erkenne ich sehr genau, dass etwas nicht stimmt, finde aber nicht sofort das passende Wort.
Und manchmal ist wahrscheinlich alles gleichzeitig los. Überraschungsparty im Nervensystem – nur ohne Einladung. 🙃
Meine Red Flags werden konkreter
Ich versuche heute weniger, auf die eine große Warnleuchte zu warten. Ich sammle kleinere Hinweise.
Ich werde in meinen Antworten kürzer.
Ich fange an, innerlich Gespräche zu führen.
Ich möchte sofort beweisen, dass ich recht habe.
Mein Körper wird fester.
Ich will aus der Situation raus – oder unbedingt noch einen Satz hinterherschicken.
Ich merke erst später, dass ich Hunger, Durst oder eine Pause gebraucht hätte.
Das sind keine allgemeingültigen ADHS- oder Autismus-Zeichen. Es sind Hinweise, die ich bei mir beobachte. Andere Menschen haben andere.
Was das im Business verändert
Wenn ich meine Signale erst spät wahrnehme, brauche ich im Business nicht noch mehr Druck. Ich brauche Strukturen, die nicht davon abhängig sind, dass ich jede Grenze rechtzeitig fühle.
Zum Beispiel:
Puffer zwischen Gesprächen.
Keine spontane Zusage bei großen Anfragen.
Klare Leistungsgrenzen im Angebot.
Fokuszeiten ohne Termine.
Essen und Trinken sichtbar am Arbeitsplatz.
Eine Nacht zwischen Kritik und Antwort.
Das wirkt vielleicht banal. Für mich ist es der Unterschied zwischen „Ich muss mich besser zusammenreißen“ und „Ich baue Bedingungen, die mich mittragen“.
Kleiner Impuls
Frag dich heute nicht nur: „Wie fühle ich mich?“
Falls diese Frage zu groß ist, beginne kleiner:
Ist mein Körper gerade eher eng oder weit?
Will ich näher ran oder Abstand?
Brauche ich Bewegung, Ruhe, Essen, Wasser oder Zeit?
Was hat sich seit Beginn der Situation verändert?
Du musst deine Innenwelt nicht sofort perfekt benennen. Wahrnehmung darf auch mit einem ungefähren „Da ist irgendwas“ beginnen.
Fachliche Einordnung und Quellen
Fachartikel zu Alexithymie, Interozeption und emotionalem Bewusstsein
Studie zu Alexithymie und Emotionsverarbeitung bei autistischen Menschen
Review zu Emotionsregulation bei Erwachsenen mit ADHS
